17. KAPITEL Akamouks Geschenke – Beginn der Regenzeit

Der Ausflug zu Akamouks Familienclan in den Hoggar war aufregend und recht anstrengend gewesen. Geduscht und komplett frisch gekleidet steige ich in Erwartung eines Frühstücks die Turmstiege hinunter. Mein Platz ist gedeckt, Michelle hat alles vorbereitet. Francois sitzt am Nebentisch bei seinem geliebten Kaffee. Der weiträumige Gastraum, seine kahlen Wände, die stetig die Originalfarbe verlierenden Metallmöbel und die stillstehenden Deckenventilatoren, vermitteln ein Gefühl des Nachhausekommens. Von François herzlich gemeint, werde ich mit einem deutschen „Guten Morgen“ begrüßt. Lachend meint er, dass Österreich im Wechseln von Regierungen mit den Italienern konkurrieren würde. In der Zeit meiner Abwesenheit, wir schreiben das Jahr 2019, hätte es drei unterschiedliche Regierungen gegeben, und das innerhalb von zehn Tagen. Scheint ein ziemlicher Kindergarten zu sein, diese Alpenrepublik, fügt er provokant hinzu.

Obwohl ich die Umstände, die zu einem derartigen GAU geführt haben noch nicht kenne und kein fanatischer Patriot bin, fühle ich mich in meiner staatsbürgerlichen Ehre getroffen. Ich pflege eine Hass-Liebe zu Österreich, vor allem zu meinem Geburtsort Wien. Keineswegs will ich mich auch nur annähernd mit Thomas Bernhard vergleichen, doch waren seine Empfindungen sicher ähnlich. Denn ohne Empathie zu den Menschen dieses Landes hätte er nicht derart kritisch geschrieben. Hier in der Wüste, wo Sand, Steine, Hitze und Durst die Dominanten des Lebens sind, ist es herzlich egal, ob die eigene Regierung kurz oder lang (welch Wortspiel!), gut oder schlimm herrscht. Wien ist viele Flugstunden weit weg, und man vermag von hier aus nichts beizutragen, um extremes Abdriften egal ob nach links, oder rechts zu verhindern. Das ist gut so, denn solche im fernen Europa gelegenen Ereignisse würden das Aufnehmen der gewaltigen Eindrücke, die Afrika in jedem Winkel bietet, beeinträchtigen.

Es trifft sich ausgezeichnet, dass in diesem Moment die gute Michelle mit einer Kanne Tee erscheint. Ich nütze die Zeit, in der sie die duftende Flüssigkeit in die Tasse schenkt, um einige belanglose Worte mit ihr zu wechseln. Das enthebt mich im Augenblick der unangenehmen Verpflichtung, auf das von Francois angesprochene Thema einzugehen. Während sich Michelle wieder Richtung Küche verzieht, widme ich mich intensiv dem Frühstück. Meine offen zur Schau getragene Konzentration auf das Bestreichen des Baguettes mit Camembert, wagt sicher niemand zu stören. Lange lässt sich dieses Gehabe nicht durchziehen, denn ich spüre schon Mitleid für den Nachbarn am Nebentisch aufkommen, der mein Verhalten erkennbar nicht versteht. Seine Gesichtszüge signalisieren komische Verzweiflung. Doch da geschieht Allahs Wille und Akamouk betritt den Gastraum. Er geht direkt auf François zu. Die beiden begrüßen sich nach der längeren Abwesenheit extra ausführlich. Michelle kommt dazu, verschwindet aber sofort wieder in die Küche, um Kaffee für den Gast zuzubereiten. Dieser hat Geschenke mitgebracht. Ein frisch geschmiedetes Schwert mit ausnehmend kunstvoll gearbeitetem Griff, den ein fein ziselierter Knauf ziert. Es steckt in einer mit geprägten Mustern versehenen und bunt bemalten Scheide. Sie hat am unteren Ende einen ebenso sorgfältig bearbeiteten runden Abschluss aus Metall. Dieses Prachtstück von einer Takuba, hat einen geflochtenen Strick, an dem man sie umhängt und so immer griffbereit hat. Er überreicht dem Hausherrn das Schwert mit beiden Händen. François springt vor Rührung ungewohnt behende von seinem Stuhl hoch. Die Übergabe erinnert mich an einen Ritterschlag im Mittelalter, mit dem Unterschied, dass der zu Erhebende nicht kniet, sondern aufrecht steht. Selbst für den Targi scheint die Zeremonie etwas Besonders zu sein, denn ich habe ihn nie vorher verlegen oder gar nervös gesehen. François erkennt sofort, dass diese Takouba eine kostbare Sonderanfertigung ist. Dem Wert des Geschenkes entsprechend bedankt er sich ausführlich.

Während dieser Feierlichkeit stellt Michelle den dampfenden Kaffe wortlos vor Akamouk auf den Tisch. Der greift unter sein weites blaues Gewand und zieht ein zusammengerolltes Lederpäckchen heraus, das er mit einer eleganten, eines Targi würdigen Geste der Hausfrau überreicht. Michelle nimmt das Paket verwundert entgegen, knüpft den herumgewickelten Riemen auf und entfaltet dabei eine Satteltasche. Eine Tasche kostbarer Machart, verziert mit breiten Lederstreifen, auf denen seit Urzeiten überlieferte Formen geometrischer Muster der Touareg sorgfältig eingeritzt und gefärbt sind. Nicht nur das, die fleißigen Frauen der Heimat Akamouks haben die für Reittiere gedachte Tasche mit einem Trageriemen zu einer Umhängetasche geändert. Das lässt auf eine Sonderanfertigung schließen. Ich bin überrascht, denn mein afrikanischer Freund hat mir von seinem Vorhaben nichts mitgeteilt. Darüber hinaus ist diese Geste merkwürdig, weil Touareg allgemein besser im Nehmen, als im Geben sind. Er ist eben ein Imuhar, ein Adliger. Einerseits in berberischer, andrerseits in der besten europäischen Tradition erzogen. Das Zusammenspiel aus Jahrhunderten Lebenserfahrung seines Volkes in der Sahara und westlichem Wissen formte seinen außerordentlichen Charakter.

Da ich mich bei diesem Fest innerhalb einer Familie als Außenseiter fühle, beschließe ich, einen kurzen Spaziergang in die Stille der Wüste zu machen. Das würde helfen, das zuletzt Erlebte und den leichten Ärger über die Taktlosigkeit Françoise’s zu verarbeiten. Ich drücke die Eingangstüre auf, die vom Gastraum ins Freie führt, da schlägt mir nicht erwartete Bruthitze wie beim Öffnen eines Backrohrs entgegen. Die Sonne hat sich längst ein großes Stück über den Horizont erhoben und heizt mit voller Kraft den Vorplatz und die Mauern des Gebäudes auf. Es herrscht totale Windstille, was den Effekt der Hitze zusätzlich verstärkt. Schnell kehre ich wieder in das kühle Innere des gastlichen Hauses zurück. Die dicken, praktisch fensterlosen Wände konservieren die nächtlichen frischen Temperaturen. Ich begebe mich direkt in das Turmgemach um meiner seit Tagen aufgestauten Schreiblust nachzugeben

Ein Wüstensohn auf seinem Mehari

Louis Mourèn war der Apotheker von Niamey, er besaß die Grande Pharmacie am zentralen Platz der Hauptstadt. Es gab oben am Markt eine wesentlich bescheidenere zweite Apotheke, mit dessen einheimischen Besitzer lebte er auf Kriegsfuß. Nicht weil sie Konkurrenten waren, sondern sie hatten unterschiedliche Auffassungen davon, wie man eine Apotheke führt.

Die Pharmacie sur le marché am Markt versorgte das Volk mit preiswerteren Medikamenten. Louis‘ Geschäft war für die im Niger lebenden Europäer und die reichere Schicht der farbigen Einwohner vorgesehen. Seine Wohnung lag über dem Laden im ersten Stock und war flächenmäßig größer, da sie sich zusätzlich oberhalb der Garagen und einer Werkstatt ausdehnte. Von der breiten Veranda überblickte man den gesamten Platz und war damit vom Treiben dort stets bestens informiert. Da hier Umzüge und Paraden über das zentral gelegene Areal vor dem Haus geführt wurden, war dieser Ort bei den Europäern überaus beliebt. Man gestattete sich, in kolonialer Manier bei kühlem Bier und Whisky auf das Geschehen da unten zu blicken. Mourèn nützte den gegebenen Vorteil zur Kommunikation mit Geschäftsfreunden und lokalen Autoritäten jeder Hautfarbe.

Staatsfeiertag in Niamey (Niger) 1956
Der Präsident der Republique Nigér 1956
Islamische Andacht
Die üblichen Gebete zu den Feierlichkeiten
Aus dem ganzen Land kamen Abordnungen …
….und nahmen an dem Aufmarsch teil.

Gefeiert wurde gerne in Afrika, Prunk, Musik und Tanz gehörten dazu. Das Gewand der Feiernden und Betenden, die weiten Boubous, waren mit kunstvoll gestickten Ornamenten verziert. Solche Kleidungsstücke wurden fast durgehend in allen Staaten Afrikas getragen. Die Stickereien dazu kamen aus der Textilhochburg Österreichs, Vorarlberg. Das war so lange ein Monopol, bis die Chinesen mit ihrer Billigware den Kontinent versorgten.

Seit vielen Jahren gab es im Land eine Reihe von christlichen Missionen. Verschiedene Konfessionen warben um Anhänger, wobei die katholische am besten angenommen wurden. Die weiteste Verbreitung fand aber der Islam wegen des großen arabischen Einflusses. Das war ein friedlicher, unaufgeregter Islam mit schlichten Koranschulen, von weltoffenen Imamen geführt. Das waren die Marabouts, denen man übernatürliche Kräfte zusprach, ähnlich den Zauberern und Féticheuren. Ungeachtet der Religion, als deren Mitglied man sich einschrieb und taufen ließ, wurden in den jeweiligen Missionsstationen kostenlos Essen, Medikamente und neue Hemden abgeholt. Aber jedermann besuchte die Fetischfeste der unterschiedlichen Naturreligionen. Diese waren nicht ausschließlich wegen ihrer Inhalte und deren bisweilen ausufernden Zeremonien interessant, sondern es gab die Gefahr ihrer Auslöschung durch christliche Religionen und vor allem durch den fortschreitenden mohammedanischen Einfluss. Es war gar nicht mehr so leicht diese Manifestationen uralten Brauchtums zu finden, und in solchem Glücksfall für Tonaufnahmen zugelassen zu werden. Die Recherchen gestalteten sich schwierig, da die Menschen, die darüber etwas wussten, lieber schwiegen. Speziell aus Furcht sich zu verraten und damit die Geschenke der Missionen nicht mehr zu erhalten.

Eines Tages lud uns der Apotheker Louis Mourèn auf einen Abendtrunk nach Sonnenuntergang zu sich ein. Es war in der Trockenzeit, sodass dieser Empfang auf der Terrasse seines Hauses stattfinden konnte. Als wir dort ankamen, saßen schon ein paar ausgewählte Herren der französischen Administration und Geschäftsleute der Stadt in den bequemen Gartenmöbeln, kühle Getränke vor sich auf kleinen Tischchen. Außerdem war Père Ducros da, der Leiter der katholischen Mission in Niamey. Er wurde von den zwei bloßfüßigen schwarzen Boys, die notdürftig in weiß gekleidet waren, speziell respektvoll bedient. Mit Limonade, denn außer dem Schluck Wein zur Messe, trank er keinen Alkohol. Wir Teilnehmer der Expedition wurden vom Gastgeber Mourèn den Anwesenden wie eine Art Exoten vorgestellt. Mackie, Schani und Kopecky stürzten sich gewandt in den Smalltalk, das heißt, der Letztere nervte aus Mangel an französischen Sprachkenntnissen die anderen mit der sich mantrisch wiederholenden Frage: „Was sagt er“? Walter und ich hielten uns abseits vom Getriebe an unseren Whiskygläsern fest. Die Terrasse war durch eine Abgrenzung gesichert, deren Metallgestell die Sonnenbestrahlung gespeichert hatte und sich wesentlich heißer als die kühlere Abendluft anfühlte. An dieses Geländer gelehnt betrachteten wir das Treiben.

Einer der Herren gesellte sich zu uns, wie sich herausstellte, war er Beamter des französischen Kolonialministeriums, und wollte wissen, wofür wir hier arbeiten. Wir erzählten ihm in groben Umrissen über die zu erfüllenden Aufgaben für die Universität Wien, das Phonogrammarchiv der Akademie der Wissenschaften und das Museum für Völkerkunde. Das bewog ihn zu der Frage, ob wir an einem Fetischritual im Norden des Landes teilnehmen wollten, er hat in dem Gebiet dort oben zu tun und könnte uns die dazu notwendigen Kontakte herstellen. Von dieser Mitteilung derart überrascht, wussten wir beide im Moment nichts darauf zu sagen. Der gute Mann musste ob unserer schockbedingten Reaktion das Gefühl gehabt haben, uns mit seiner Frage verletzt zu haben. Da suchten wir wochenlang mühevoll mit bescheidenem Erfolg nach genau solchen Informationen, und hier, bei einem Abendtrunk, wurde die Expedition so nebenbei aus längerem Stillstand erlöst. Nach verflogener Schrecksekunde erkundigten wir uns über Details. Jeweils zu Beginn der Regenzeit veranstalteten die Menschen der Gegend Fetischzeremonien, Yenendi genannt. Er fährt demnächst nach Téra, einer Kleinstadt, in welcher der Commandant Cercle des gesamten Verwaltungskreises residierte, und kann für uns den Weg bereiten. Père Ducros wird in der Zeit ebenfalls dort sein. Dieser Missionar, ein gütiger und freundlicher Herr asketischen Aussehens, war bei der schwarzen, sowie weißen Gemeinde außerordentlich beliebt. Er betreute ein Gebiet, das sich flächenmäßig sicher doppelt so weit wie Österreich ausbreitete. Er besuchte entlegene Dörfer und half Eingeborenen, ihr bescheidenes Dasein zu bewältigen. Er verbesserte ihre Ackerbaugeräte, betätigte sich als Arzt, baute Bewässerungsanlagen mit ihnen, predigte und griff gelegentlich zum Gewehr, wenn Löwen oder Hyänen die Bauern bedrängten. Er konnte sich fließend in den Sprachen Songhai, Haussa und Djerma unterhalten. Wir hatten ihn bereits mehrmals aufgesucht, er verstand unsere Arbeit und beriet uns effizient, weil er die meisten „Kollegen“ der Umgebung, die mohammedanischen Imams, sowie die Priester der autochthonen Kulte kannte.

Mitternacht war vorbei, Kopecky war aus Langeweile längst nach Hause gegangen, weil er kein Wort der Unterhaltung verstanden hatte. Mackie und Schani hatten dem kostenlosen Whisky ausgiebig zugesprochen und stützten sich nach langwieriger Verabschiedung gegenseitig am Weg zum Auto die Stiegen hinunter. In diesem Zustand waren sie kaum fähig, die Tragweite unserer Neuigkeit zu ermessen. Aus dem Grund unterließen wir es vorerst, sie davon zu informieren. Erst bei einem späten gemeinsamen Frühstück platzte Walter mit einem minutiös ausgearbeiteten Durchführungsplan in die verkaterte Runde. Auf die drei Übernächtigen wirkte die Nachricht wie eine Überdosis Amphetamin. Kopecky sprang unvermittelt auf und riss dabei beinahe den Tisch um, Schani hob hysterisch zu lachen an, und Mackie verschluckte sich derart, dass wir seinen Erstickungstod befürchteten. Nachdem er sich von diesem Anfall erholt hatte, reagierte er unverhohlen gekränkt, weil nicht er, der Leiter der Expedition, derjenige war, der sich damit rühmen durfte. Wir gingen den von Walter erstellten Plan durch, an dem Mackie freilich einiges auszusetzen hatte. Das ignorierte Walter großzügig und brachte dagegen seine nicht unbegründeten Bedenken wegen unserer Finanzen ein. Aus diesem Grund beschlossen wir, die Exkursion allein mit dem IFA zu unternehmen. Der Humber würde an einen begüterten Targi verkauft werden, der schon länger großes Interesse an dem Fahrzeug bekundet hatte. Die Neigung zum Brechen der linken Hinterachse verschwiegen wir ihm wohlweislich. Da er den Wagen nicht so schwer beladen wird, wie wir es mussten, sollte sich dieser Umstand in nächster Zeit kaum bemerkbar machen.

Wir stürzten uns sofort in die Organisation, überprüften die seit einer Woche unberührte Technik und die Bärenbatterien mussten geladen werden. Weitere Informationen über den Ort und die Hintergründe dieses Yenendi wurden eingeholt. Die ersten Schauer der beginnenden Regenzeit brachen vom Himmel. Wir waren neben den Vorbereitungen für die Aufnahmen voll mit Abdecken beschäftigt, um zu verhindern, dass die Wassermassen aus dem zerfallenden Teil des Gebäudes die trockenen Räume überfluteten. Walter und Schani wurden dazu verdonnert in der Stadt zu bleiben. Sie sollten auf das Haus aufpassen und sich um den Verkauf des Père Ubu kümmern. Es brauchte zwei Tage, bis wir bereit zur Abfahrt waren. Die Arbeitsgeräte, Tonbandgerät, Umformer und Akkumulatoren wurden zuerst in das Auto geschlichtet, gefolgt von Luftmatratzen, Kochutensilien und sparsam Ersatzkleidung. Zwei Jagdgewehre mussten auch mit. Obwohl wir an Gewicht einsparten, wo es nur ging, wurde das Fahrzeug weit über sein offizielles Gesamtgewicht beladen.

Der Informant vom französischen Ministerium fuhr kurz vor uns Richtung Téra ab. Nach einigen Kilometern auf der Asphaltstraße erwischte uns ein erster Vorgeschmack auf die kommende Regenzeit. Der Scheibenwischer auf der Seite des Fahrers funktionierte – wer braucht schon so etwas in der Sahara – war aber machtlos gegen die Wassermengen. Da ich nichts mehr vor mir sah, blieb ich trotz Mackies Protest am Straßenrand stehen und wir warteten im Wagen den Regen ab. Wir hatten das Gefühl, in einem U-Boot zu sitzen, und befürchteten, dass das Dach nicht dicht bleiben könnte. Aber alle Achtung vor den Mechanikern in Eisenach, die den IFA F9 zusammengeschraubt hatten, wir blieben trocken! Selbst die Fensterscheiben waren rundherum erfreulich abgedichtet. Gleichwohl waren wir durch und durch nass, schweißnass. Kaum eine viertel Stunde später war der Zauber vorbei, die Sonne knallte wieder auf Kühlerhaube und Straße, die wie Kochtöpfe dampften.

Wir konnten weiterfahren, erreichten die nicht befestigte Piste und kamen nach etwa einer Stunde Fahrt in den Genuss des nächsten Wolkenbruchs, der gleich heftig wie der erste verlief. Mit dem unbedeutenden Unterschied, dass der IFA daraufhin nicht mehr startete. Der Verteiler musste trockengelegt werden. Er hat sich vermutlich an die 5% Luftfeuchtigkeit in der Sahara derart gewöhnt, dass er hier bei annähernd 100% streikte. Geduldig und liebevoll trockneten wir die elektrischen Kontakte nach jedem Regen und dazwischen ebenfalls. Das Fahren wurde immer schwieriger und nahm die volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Das zügige „Fliegen“ über die Wellblechpiste mit mindesten 70 Kmh durfte nicht unterschritten werden, weil wir Karosserie und Geräte weiterhin dringend brauchten. Durch den schweren Regen bildeten sich zusätzlich tiefe Querrinnen und mit Wasser gefüllte Löcher auf der Piste, die man vorsichtig und möglichst schräg anfahren musste. Die Bodenfreiheit war für ostdeutsche Autobahnen berechnet, und durchaus nicht für Geländefahrten. Diese oftmalig notwendigen Wechsel zwischen Tempo halten, abruptem Bremsen und zartem über die vom Wasser ausgewaschenen Löcher gleiten, war für mich als Fahrer, wie für das Auto extrem anstrengend. Selbst an meinen Mitfahrern gingen diese heftigen Tempowechsel nicht spurlos vorüber. Viele Zigaretten wurden auf der Strecke nervös und achtlos geraucht.

Nach mühsamen Stunden erreichten wir Téra und sahen am Platz vor der Kommandantur den Powerwagon des französischen Überseeministeriums parken. Monsieur Aillot, der Commandant Cércle, zeigte sich informiert und empfing uns freundlich. In einem mit tiefen Sesseln ausgestatteten, klimatisierten Empfangsraum saß schon der Herr vom Ministerium. Wir ließen uns in die restlichen bequemen Sitzgelegenheiten fallen. Eine Ordonanz in Uniform bot uns verschiedene Getränke an, Erdnüsse und Knabbergebäck standen auf runden Tischchen bereit. Wir erfuhren, dass das Yenendi in einem gewöhnlichen Dorf, namens Begouriou Tondo Kangé, was so viel wie „Wäldchen am Fuß des Steines“ heißt, einmal jährlich stattfand. Es lag bloß vierzig Kilometer von hier entfernt, hinter ein paar Hügeln. Das Fest war eines der größten dieser Art in dem gesamten Gebiet. Bei den Zeremonien opferte man Kleintiere, um den Zorn Dongos, dem mächtigen Wettergeist, abzuwenden. Tanzende Medien wurden in Trance versetzt und aus ihrem Mund sprachen die Geister. Der Commandant bedeutete uns, dass wir um eine Woche zu früh gekommen waren. Es war uns aber wichtig dorthin zu fahren, um mit den Leuten im Dorf zu reden, damit wir am Tag des Festes keine unangenehmen Überraschungen erleben. Das heißt, es wurde notwendig, sich um ein Nachtquartier zu kümmern. Es gab ein Hotel in der Stadt, aber im Hinblick auf unsere Finanzen lehnten wir mit der Erklärung ab, dass das kostbare Equipment nachts unbedingt unter Beobachtung und in Griffweite sein sollte. Es traf sich, dass nahe gelegen eine Garage leer stand, die ein regendichtes Dach zu bieten hatte.

Die Einladung zum Abendessen nahmen wir nur zu gerne an, denn wir hatten ursprünglich mit Palatschinken und Ölsardinen, dem normalen Menü, gerechnet. Monsieur Aillot stellte uns einen jungen Mann vor, Banjou war sein Name, den er uns mitgab. Er stammte aus der Gegend und würde für uns dolmetschen. Wir verabredeten uns mit ihm für den nächsten Morgen zum Tagesanbruch und bezogen das Quartier. Sogar das Auto fand in dem Gebäude Platz. Wir waren glücklich darüber, nicht draußen übernachtet zu haben, denn in der Nacht zogen einige heftige Gewitter über uns hinweg.

Der Morgen kam, mit ihm Banjou. Wir traten vor die Garage, die uns die Nacht über trocken gehalten hatte. Eine merkwürdig kontrastreiche Stimmung empfing uns. Der Himmel war düster mit grauen Wolken verhangen, die im gleichen Moment aufgehende Sonne tauchte die Dächer der Häuser am Platz in goldgelbes Licht. Es wurde recht eng im IFA mit dem zusätzlichen Passagier und das Heck des Autos berührte nahezu den Boden. Es regnete nicht und Banjou führet uns hinaus aus der Stadt. Am Stadtrand begann eine schmale Piste, die sich später wie ein Hohlweg durch die Hügel zog. Hier fuhren vorher Geländewagen und LKWs mit ausreichender Bodenfreiheit, die Fahrspuren waren tief eingegraben, auf jeden Fall zu tief für unser Auto. Obendrein hatten sich die Fahrrinnen wegen der Regengüsse bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Es blieb mir über weite Strecken nichts übrig, als mit zwei Rädern am Pistenrand, mit den anderen wie auf Schienen am Mittelstreifen zu balancieren. Dazwischen versanken die Antriebsräder öfters im Morast und wir durften wieder einmal graben, Äste von Bäumen brechen und unter die versunkenen Räder legen und anschieben.

Lehmverschmiert und physisch ausgepowert kamen wir bei Einbruch der Nacht am Ziel an. Monsieur Aillot hatte uns den Namen des großen Fetischeurs genannt, Yabilan. Unser Dolmetsch kannte den Feticheur natürlich und wir suchten ihn bei seiner Hütte auf. Das war ein Fehler. Was wir nicht wussten, zuerst hätten wir den Chef de village, den Häuptling des Dorfes konsultieren müssen. Es gab zwischen ihm und dem Zauberer heftige Rivalität. Wir kümmerten uns nicht weiter darum, der Beschwörer war für uns wichtiger.

Yabilan kam uns aus seiner Hütte entgegen. Tief musste er sich bücken, um durch den Eingang zu kommen. Die Einlässe zu den Behausungen aus Lehm waren allgemein recht niedrig gehalten. Yabilan war hochgewachsen, hager, und hatte eine flache breite Nase wie die breitgeklopfte eines Schwergewichtsboxers. Unter schweren Lidern blickten schlaue, jung gebliebene Augen aus dem faltigen Gesicht. Seine Haltung und das Gehabe waren Respekt gebietend. In blaues, dezent glänzendes Tuch gewandet, einen weißen Schal um den Kopf gewunden, strömte er Charisma aus. Yabilan schien über unser Kommen informiert zu sein. Wie das funktioniert hat, war und blieb ein Rätsel. Junge Frauen brachten Sitzgelegenheiten auf den Vorplatz, auf die wir uns im Halbkreis niederließen. Der Dolmetsch überbrachte Grüße vom Commandant und von Père Ducros, die er schweigend mit angedeutetem Nicken huldvoll entgegennahm. Mehr Emotionen zeigte er, als Mackie ihm die mitgebrachten Gaben überreichte. Wir hatten eine große Packung Zündhölzer und zwei Meter dunkelblauen Stoff in Niamey besorgt. Wir erzählten von den Bräuchen mit Zaubercharakter in den Tiroler Bergen, legten zum Beweis Bilder von Perchtenläufen aus den Prospekten der österreichischen Fremdenverkehrswerbung vor, die man uns ausreichend mitgegeben hatte. Das überzeugte ihn, sodass er ohne Bedenken dem Anliegen zustimmte, das Fest aufzunehmen. Er zeigte uns obendrein eine leerstehende Hütte, deren geflochtenes Dach freilich nicht mehr absolut dicht war. Dort, und in einem unserer Zelte daneben, schlugen wir das Nachtquartier auf.

Zum Glück fiel in dieser Nacht kein Regen. Das Fest wird erst in einer Woche, nach dem Ende des mohammedanischen Fastenmonats Ramadan abgehalten werden. Diese Zeit wollten wir nicht in Begourou abwarten, und beschlossen, erst nachdem wir mit dem Chef de village gesprochen hatten, zurück in die Stadt Téra zu fahren. Banjou führte uns am nächsten Morgen zu dem Haus des Häuptlings, der war aber ausgeflogen. Das versicherte uns eine der anwesenden Damen. Unser Übersetzer meinte dagegen, dass der Dorfoberste gekränkt sei, weil wir zuerst Yabilan besucht hatten und daraufhin mit uns nicht sprechen wollte. Warten wäre sinnlos, wurde uns bedeutet. Somit zogen wir wieder ab, um es später nochmals zu versuchen.

Da das Gebiet rundherum bekanntes Jagdgebiet war, gingen Mackie und ich jagen. Wir brauchten ohnehin zur Abwechslung Fleisch nach Tagen mit Palatschinken und Ölsardinen. Der Regen hatte Busch und Savanne verändert. Sie waren nicht mehr gelb und braun, sondern zeigten frühlingshaftes Grün. Das Gras schoss aus dem Boden und war schon recht hoch, was die Jagd erschwerte. Aber wir hatten Glück. Mit sieben Perlhühnern Jagdbeute kehrten wir in das Dorf zurück. Eines davon wurde zu Yabilan gebracht, ein Huhn schenkten wir Banjou. Mit zweien zum Geschenk marschierten wir nochmals zum Häuptling. Die Türe des Hauses war verschlossen, selbst auf heftiges Klopfen wurde nicht geöffnet. Banjou rief laut, dass wir zwei Hühner mitgebracht hätten. Es dauerte Minuten, bis sich die Türe einen Spalt öffnete und eine weibliche Stimme verkündete, man möge sie ihr übergeben, und der Chef sei nicht zu sprechen. Bumms, das Tor war wieder zu. Am Nachmittag kam ein Mann zu Yabilan, mit der Anweisung vom Chef de village, uns hinauszuwerfen. Wir dürfen beim Yenendi auf keinen Fall dabei sein. Daraufhin kochten wir eines der Hühner und begaben uns nach dessen Verzehr bedrückt zur Ruhe, denn wir sahen schon unsere Felle wegschwimmen. Am folgenden Morgen kam Yabilan herüber und meinte, der Zwerg hätte ihm nichts zu sagen, er würde das übernehmen. Das war aber nicht so problemlos, denn ein von den Franzosen eingesetzter Administrator hatte gewisse Machtbefugnisse, denen selbst ein Medizinmann unterworfen war.

Nicht allein aus Sorge um unsere Arbeit in gedämpfter Stimmung traten wir die Rückfahrt an. Tiefhängende schwarze Wolken kündigten ein Gewitter an. Dass sich der Zeitpunkt für die Durchführung des Yenendi nach dem Ramadan richtete, war sicher afrikanischer Diplomatie zuzuschreiben. Niemand wollte den Teil der zum Islam übergetretenen Bevölkerung überfordern, der sich von seinem traditionellen Glauben nicht abbringen ließ.

Wir benötigten für diese vierzig Kilometer Strecke nach Téra wiederum einen vollen Tag. Müde und verdreckt angekommen, durften wir die Garage wieder beziehen. Monsieur Aillot gestatte uns die Benützung des Gästebades im Haus. Nach erfolgter Toilette konzentrierten wir uns auf die Zubereitung der Hühner. Banjou war so freundlich gewesen, die Tiere unterwegs fachgerecht zu rupfen. Kopecky schlug vor, sie über einem Feuer zu braten. Da wir uns aber in einer Stadt befanden und Rücksicht auf den Kommandanten nehmen mussten, wurden sie zerteilt und verschwanden zum garen im Druckkochtopf, erhitzt von einem Petroleumkocher. Diese Suppe besserte unsere Kost für einige Mahlzeiten auf. Die nächsten Tage des Wartens auf das Ende des Ramadans verbrachten wir mit Reparaturarbeiten am IFA, Spaziergängen in und außerhalb der Stadt, sowie gelegentlichen Einladungen beim Kommandanten. Die dort geführten Gespräche mit einigen seiner Afrikaerfahrenen Gäste, deren Namen in der Zwischenzeit aus meinem Gedächtnis fielen, brachten uns wichtige Informationen für unsere zukünftige Arbeit in Westafrika.           

21. KAPITEL – Die Viper, Chinesen und Abschied von Niamey

Michelle und François brechen knapp vor Tagesanbruch nach Tamanrasset auf. Im Zustand des Aufwachens höre ich sie in ihr Auto einsteigen und losfahren. Sie hatten mich schon vor einiger Zeit gefragt, ob ich ein paar Tage auf die Auberge aufpassen würde. Michelle hat einen runden Geburtstag und die beiden wünschen sich, diesen mit ein bisschen Luxus zu feiern, soweit das in dieser Wüstenstadt möglich ist. Man wird sich in einem guten Hotel mit Klimaanlage von geschultem Personal bedienen lassen, in Restaurants an blendend weiß gedeckten Tischen direkt aus Frankreich eingeflogene Speisen und Getränke genießen, ohne sich hinterher um das Geschirr kümmern zu müssen. Geschäfte und Basar locken mit erstaunlichen Gegenständen, die man zwar nicht unbedingt braucht, aber kaufen könnte. Da mir von den beiden so etwas wie Familienanschluss gewährt wurde und ich darüber hinaus Inspirationen durch sie für die Arbeit am Buch erhielt, lag meine Zusage auf der Hand.

Jetzt aber, verschlafen im Bett das Tageslicht erwartend, steigen Bedenken auf. Allein in diesem doch recht großen Anwesen inmitten des größten Wüstengebiets der Erde, ob das gut geht? Mir fällt ein viele Jahre zurückliegendes Erlebnis ein. Ein in einer riesigen Südtiroler Burg einsam lebender Kastellan erwiderte auf meine Frage, ob er nicht Angst habe so allein zu leben, dass er sich überaus sicher fühle. Fürchten müsse er sich nur, wenn Menschen da wären. Diese Einstellung eigne ich mir jetzt an, und begebe mich nach einer kurzen Dusche hinunter in den Gastraum, nicht ohne vorher mein Jagdgewehr zu laden und umzuhängen. Unten angekommen verspüre ich die neue Einsamkeit und Stille wie intensiven Druck auf die Ohren. Von Zeit zu Zeit wird die Ruhe unterbrochen. In unregelmäßigen Abständen verfängt sich Wind in den halb offenen Fensterläden. Dieses melodische Geräusch, dem Ton einer Äolsharfe gleich, wirkt lauter, als es dem schwachen Luftzug nach angemessen wäre. Beim Betreten der sauber geputzten Küche fühle ich leichtes Unbehagen. Obwohl mich Michelle zur vollen Benützung berechtigt hat, ist es mir nicht angenehm, in dieses fremde und wohlgeordnete Reich der Wirtin einzudringen. Ich bereite mir eine Kanne Tee und entnehme dem wohlgefüllten Kühlschrank ein Stück Baguette sowie etwas Käse und setze mich damit gemütlich an den Küchentisch.

Das Frühstücksgeschirr ist sorgfältig abgewaschen und auf seinen Platz gestellt, der Tisch sauber abgewischt. Ich starte mit umgehängtem Gewehr einen Rundgang durch den Hof und die angrenzenden Gebäude. Ausgestorben und friedlich breitet sich der Hof zwischen Mauer, Haus und Garage aus. Doch da bewegt sich etwas in der Mitte des freien Platzes. Das Objekt hat die gleiche gelblich – rötliche Farbe wie der Sand rundherum. Die Flinte entsichert in der Hand nähere ich mich vorsichtig dem jetzt reglosen Ding. Ein Kopf hebt sich aus dessen Mitte und züngelt in meine Richtung. Es ist eine gedrungene kurze Hornviper. Mit leichten Sprüngen sucht sie seitwärts zu entkommen. Offensichtlich hat sie sich aus der Hamadawüste in den Hof herein verirrt. Dieses Reptil ist wegen meiner plötzlichen Anwesenheit sicher ebenso erschrocken, wie ich durch den ihres Anblicks. Angst macht diese hochgiftige Schlange unberechenbar und gefährlich. Ein Biss kann tödlich sein. Wenn man nicht rechtzeitig mit dem richtigen Serum spritzt, wirkt das Gift blutzersetzend. Da ich neugierig bin, mache ich vorsichtig und langsam ein paar Schritte auf sie zu. Die Schlange hat mich jetzt im Fokus ihres Blickes, den dicken Körper zusammengerollt bewegt sich die Viper nicht mehr, sondern züngelt warnend in meine Richtung. In der Hoffnung sie vertreiben zu können, wage ich mich auf eine sichere Distanz von etwa zwei Meter Entfernung heran. Die beiden Hörner über den Augen lassen sich leicht erkennen. Wie dieses schöne Tier loswerden, ohne selbst in Gefahr zu geraten? Erschießen wäre das Einfachste. Mit langsamer Bewegung hebe ich das Gewehr. Während ich die Hähne des Ferlacher spanne, hindert mich der Gedanke, einen Mord damit zu begehen, abzudrücken.

Aber aus dem Hof muss ich sie entfernen. Als nächste Option bietet sich die Vier einzufangen. Doch wie? Ich habe anderswo Schlangen mit Gabelstöcken erjagt. Die waren wenigstens meist lang ausgestreckt, sodass der Stock genau hinter ihrem Kopf platziert und so die Tiere ohne Gefahr fixiert wurden. Diese Viper hingegen hat sich eng zusammengerollt und hält ihr Kopfende geschützt zwischen den Windungen ihres Körpers. Außerdem, wo nimmt man in der Wüste eine geeignete Astgabel her? Ich spreche beruhigend mit ihr. Meine ehrlichen Beteuerungen, dass ich nichts Böses vorhabe, stoßen aber bei ihr auf taube Ohren. Sie blinzelt nicht einmal, streckt mir nur immer wieder ihre Zunge heraus.

Hornviper

Daher gehört sie gefangen und nach draußen geschafft, ohne dabei von ihr gebissen zu werden. Ich erinnere mich, in der Werkstatt eine schwere Autoplane eines Pickups gesehen zu haben. Eine Plane, so dick, dass die Giftzähne der Schlange sie keinesfalls zu durchdringen vermögen. Bedächtig langsamen Schrittes hole ich mir das dunkelgrüne Autoverdeck aus der Garage. Die Viper hat sich inzwischen verzogen und ist nicht mehr zu sehen. Eine Giftschlange, die man nicht sieht, die sich überall verstecken kann, ist ein gefährliches Jagdobjekt. Der Boden ist zwar fest, doch lassen sich die unverkennbaren Spuren dieses sich seitwärts fortbewegenden Reptils verfolgen. Vorsichtig gehe ich dieser Fährte bis zu der Mauerseite nach, an der Akamouk gewöhnlich seine Unterkunft aufgebaut hatte.

Die Plane wie die Capa eines Toreros beim Stierkampf ausgespannt vor den Körper haltend lasse ich sie am Boden schleifen, und nähere mich so der Schlange. Bei meinem Herannahen versucht die Viper zu flüchten. Das gelingt ihr nicht so leicht, weil die seitliche Fortbewegung einerseits von der Mauer, andererseits durch das riesige steife Stoffverdeck verhindert wird. Es bleibt der Viper nichts anderes übrig, als vorwärtszustreben. Stets an der Wand entlang bewegen wir uns in Richtung Einfahrt. Die gewichtige Plane hochzuhalten fällt mit der Zeit schwer, denn die in Schulterhöhe ausgestreckten Arme drohen nachzugeben. Aber sie ist mein Schutzschild gegen tödliche Bisse und dient dazu, der Schlange die gewünschte Richtung zu weisen. Sie scheint sich mit der Zeit an das sie bedrängende grüne Objekt zu gewöhnen, denn ich muss sie einige Male zum weiterschlängeln anstupsen. Das gefällt hinwieder ihr gar nicht, sie schnellt hoch und versucht ihre Giftzähne blitzschnell in das sie bedrohende Tuch zu schlagen. Das leistet aber Widerstand und lässt sie abgleiten. Ich erschrecke über diesen plötzlichen Angriff derart, dass ich nach rückwärts springe. Mein gesamter Körper ist auf einmal in Schweiß gebadet. Ich bedaure, dass mich niemand sieht, wie heldenhaft und strategisch durchdacht ich das gefährliche Tier kontinuierlich weiter zum Eingangstor treibe. Die durch das Befahren der Einfahrt entstandenen flachen Spurrinnen unter dem Tor bieten der Schlange Gelegenheit, flugs nach außen in die Freiheit zu gelangen. Erschöpft, aber zufrieden kehre ich in die Gaststube zurück und bereite mir zur Erholung einen ausgiebigen Pastis 51. Meine sonst so ruhige Hand, die mich unter normalen Umständen als zielsicheren Schützen ausweist, zittert beim Einschenken.

Gegen Abend, nach einem beschaulich verbrachten Nachmittag, nütze ich die Abwesenheit meiner Wirtsleute und starte den Fernseher in ihrem Wohnraum. Auf allen erreichbaren Sendern wird medienwirksam über die Ausbreitung des COVID-19, dem Coronavirus berichtet. Im Fernen Osten nimmt die Anzahl der Neuansteckungen langsam ab, China kehrt vorsichtig zur Normalität zurück. Doch die Pandemie wandert schnell nach Westen. Ich bin wieder einmal glücklich, mich hier in einem riesigen Landstrich aufzuhalten, der bis jetzt kaum davon berührt wird. Vom Norden, der Küstenländer am Mittelmeer, wird von derzeit fünftausend Kranken mit nur wenig täglichen Neuinfektionen berichtet. In der lebensfeindlichen Sahara dazwischen kann kein Virus oder Keim ohne Wirt überleben. In den angrenzenden Sahelstaaten Mali, Niger und Tschad gibt es bis heute nur relativ wenige gemeldete Infektionen. Doch bereiten mir die oft widersprüchlichen Nachrichten aus Europa Sorgen. Da leben Verwandte, Freunde und mir lieb gewordene Menschen in Gefahr. Aber es ist unmöglich, von hier aus etwas zu ändern. Den Meldungen zufolge hat Österreich die Krise vorbildlich gemeistert. Spät kehre ich in meinen Turm zurück und stelle das geladene, aber gesicherte Gewehr in Griffweite neben das Bett.

Im Morgengrauen werde ich von ungewohntem Motorenlärm geweckt. Ein kleiner Konvoi bewegt sich von der Hauptpiste auf die Auberge zu. Ein Geländefahrzeug, ein Bus und ein LKW. Ich springe in Hose und Hemd und laufe die Stiegen hinunter, dann durch den Hof und öffne das Einfahrtstor. Der Geländewagen fährt herein. Langsam verzieht sich der durch die Fahrzeuge hochgewirbelte Staub, so sehe ich den Bus und den LKW rechts von der Piste halten. Die Leute bleiben in den Gefährten sitzen und machen keine Anstalten hereinzukommen. Das Tor lasse ich offen und wende mich den neu Angekommenen zu. Mitten im Hof haben sie angehalten. Zwei Männer steigen aus dem Auto, das einem Mercedes G, bis auf die etwas glattere Motorhaube, zum Verwechseln ähnlich ist.

Einer der Ankömmlinge scheint, nach seinem Burnus zu schließen, ein Berber aus dem Norden zu sein, der andere trägt eine Khakihose, darüber eine kurzärmelige Tropenjacke mit überdimensionierten aufgesetzten Taschen, wie man sie von den Uniformen britischer Offiziere im Tropendienst kennt. Beide haben gegen Staub und Hitze ihre Köpfe turbanartig mit Tüchern verhüllt, der größere trägt eine dunkle Pilotenbrille. Wir reichen uns die Hände, wobei sich die Herren mit ihren Namen vorstellen, die ich aber nicht verstehe. Auf meine Frage, ob die anderen aus dem Bus und dem LKW nicht hereinkommen wollen, bedeutet man mir mit einer Handbewegung, dass die draußen bleiben. Ich lade die beiden in die Gaststube ein.

Kaum haben wir den Raum betreten, nehmen sie ihre Verhüllungen ab. Der Große ist unverkennbar chinesischer Herkunft. Er lächelt, weil er meinen erstaunten Gesichtsausdruck sicher als Erschrecken deutet. Es ist ihm bewusst, dass sie wegen der Pandemie im Moment stigmatisiert sind. Aber da kein Mitglied seiner Truppe seit vielen Monaten in China war und die Kommunikation mit der Heimat und den Dienstgebern in Algier nur auf elektronischem Weg stattfindet, könne man die Möglichkeit von Infektionen ausschließen. Ich biete ihnen Kaffee an, den sie gerne annehmen. In der Zeit, in der wir auf das Kochen des Wassers warten, erklärt mir der Asiate, dass er und seine Leute seit zwei Jahren ohne Unterbrechung in einem Wüstenort der nördlichen Sahara, ein Paar Kilometer östlich von Quargla, leben. Er selbst ist Ingenieur, die anderen sind Spezialisten auf verschiedenen technischen Gebieten. Sie sind am Weg zu ihrem neuen Betätigungsfeld im Tschad.

Ich serviere den Kaffee und versuche, mehr Informationen zu erhalten. Die Männer sind auf der Tanezrouft vom Norden gekommen, haben irrtümlich eine Abkürzung genommen und deshalb Bordji Mokhtar in der Nacht verpasst. Es war ursprünglich geplant, dort Wasser aufzutanken, aus diesem Grund sind die Tanks jetzt leer. Ich gehe das Dieselaggregat hochfahren, damit die Wasserpumpe ausreichend mit Strom versorgt wird, und zeige dem Beduinen die Stelle, wo er nachfüllen darf. Auf einen Ruf von ihm steigen die Passagiere aus dem Bus und schleppen Kanister und Gerbas heran. Ich begebe mich wieder in die Gaststube zu dem chinesischen Ingenieur. Auf meine Frage, wie es seine Landsleute in seiner Heimat geschafft haben, die Kette der Ansteckungen zu unterbrechen, meint er, dass man in China neben modernster Medizin auf alte Gepflogenheiten wie Qi-Gong und andere traditionelle Methoden setzt. Mehr ist meinem asiatischen Gegenüber nicht zu entlocken. Da unterbricht der Beduine mit der Meldung, dass man zur Weiterfahrt bereit sei. Ich weigere mich, Geld für Wasser und Kaffee zu nehmen, in der Hoffnung, damit bei den Mouloudjies Verständnis zu finden. Die beiden werden von mir zu ihrem Wagen begleitet. Am Weg dorthin verbirgt der Chinese wieder sein Gesicht unter dem langen Tuch, das er um seinen Kopf wickelt.

Nachdem ich vom Versperren des Tores zurückkomme, liegen auf dem Tisch mit einer Kaffeetasse beschwert, ein paar größere Scheine Francs-CFA. Absolute Stille herrscht wieder. Eine dicke Fliege summt laut durch den Raum, von kurzen Landungen unterbrochen, und nimmt damit der Ruhe ihre Bedrohlichkeit. So lästig solche Brummer sein können, bedeutet doch ihr Geräusch in der sonst toten Umgebung Leben. Mein Plan, in der kühlen Jahreszeit die Rückreise nach Europa anzutreten, ist durch die Coronakrise durchkreuzt. Im Norden Algeriens steigt die Anzahl der Infektionen mit über fünfhundert täglich schlagartig rasant an, wogegen sich in den Sahelstaaten Niger und Tschad der Stand von jeweils insgesamt zehn, bzw. drei gemeldeten Kranken recht stabil hält. Je nach Route durch die Sahara wäre ich gezwungen, durch Frankreich oder Italien zu fahren. Zwei Länder, die von der Pandemie extrem gebeutelt werden. Ich beschließe, etwas zuzuwarten. Die kurze Erklärung meines chinesischen Gastes lässt mich nicht los. Greifen heute noch immer die medizinischen Erfahrungen aus ein paar tausend Jahren? Die europäische Kultur ist zwar nicht annähernd so alt wie die der Asiaten, eigentlich sollten da ebenfalls Erkenntnisse aus vielen Jahrhunderten vorhanden sein und wirken. Mich befallen ketzerische Gedanken. Könnte es sein, dass die Rebellen der Aufklärung in ihrem Bemühen übertrieben haben? Oder ist den Protagonisten der Bewegung die Kontrolle über ihr löbliches Werk entglitten? Haben Eiferer aus der Philosophie der Aufklärer die Berechtigung zu radikaler Eliminierung uralten Volkswissens konstruiert? Wie kann es sonst geschehen, dass China fortschrittlicher und stärker als die gesamte westliche Welt aus dieser Pandemie aussteigt? Das Reich der Mitte hatte sich unter den verächtlichen Blicken Europas gegen die Aufklärung gewehrt und damit das Wissen über die Zusammenhänge in der natürlichen Heilkunst und Esoterik bis heute, trotz Maos Kulturrevolution, bewahrt.

Müdigkeit übermannt mich. Die Überlegungen und Gedanken entwickeln ein Eigenleben, und drehen sich in meinem Kopf im Kreis. So schultere ich das Gewehr und gehe in den Schuppen, um das Stromaggregat abzustellen. Ruhebedürftig erklimme ich wieder den Wohnturm. Vor dem Einschlafen plagt mich das Gewissen, denn ich sollte morgen an den Erinnerungen weiterarbeiten:

Sanddüne

Wir hatten anstrengende, turbulente, aber höchst aufregende Tage in dem Dorf Begouro-Tondo-Kangee mit dem Zauberer Yabila verbracht. Die Ausbeute unserer Arbeit für die Feldforschung hat alle Erwartungen übertroffen. Trotz der in den weiß überzogenen, kühlen Betten im Hotel wunderbar durchgeschlafenen Nacht, machen sich noch immer Symptome von Erschöpfung breit. Unsere Stimmung war labil, schwankte zwischen Euphorie und Schwermut. Einhundert und fünfzig Kilometer Piste waren bis Niamey zu bewältigen. Die führte in einiger Entfernung am Fluss Niger entlang und war eine der Hauptverbindungen von der Provinz Tillabéri nach der Hauptstadt. Von den viele Tonnen schweren LKWs mit übergroßen Rädern zügig befahren, hatten sich betonharte Sandwellen, die bekannten Tôle ondulées gebildet.

In großer Sorge um unser dürftig motorisiertes Auto gab ich Vollgas, das der IFA brav annahm und, trotz schwerer Ladung, nach relativ kurzer Zeit auf siebzig Kmh beschleunigte. Es war angeraten, diese Reisegeschwindigkeit konstant einzuhalten, denn langsamer wurde das Fahrzeug derart durchgebeutelt, dass die Karosserie zu zerfallen drohte, sowie unsere hoch technisierten Geräte gefährdet waren. Um das erforderliche Tempo zu erreichen, benützte ich mit zwei Rädern den äußersten rechten ebenen Rand der Piste, dort wo sich kein LKW hin verirrt. Dieser schmale Streifen ohne Wellblech zwischen Fahrbahn und Savanne barg eine Gefahr, tiefe Querrinnen, entstanden durch abfließendes Regenwasser von der Piste. Die ohnehin schon geschwächten Stoßdämpfer hätten die Fahrt über so einen Graben nicht mehr durchgehalten. Die linken Räder auf der Wellblechpiste, die rechten auf relativ glattem Grund jagte ich den F 9, konzentriert auf Querrinnen achtend, binnen eines Kilometers auf Reisegeschwindigkeit. Erstaunlich, wie brav der IFA lief. Bis zu dem Moment, an dem er kein Gas mehr annahm. Bevor das Auto endgültig stehen blieb, rumpelte es gewaltig. Der Motor verweigerte nach mehrmaligen Startversuchen den Dienst! Er pfiff uns was, im wahrsten Sinne des Wortes, denn er gab bei jeder Umdrehung pfeifende Geräusche von sich.

Da standen wir, verlassen inmitten des afrikanischen Buschs und stellten gemeinsam deprimierte Überlegungen über den Sinn dieser Reise an. Oder darüber, warum wir uns das antaten. Lethargisch und in hoffnungslosen Trübsinn versunken, unternahm niemand etwas zur Rettung der Situation. Banjou, der junge Dolmetscher verstand dieses Gehabe überhaupt nicht. Er war Afrikaner, den solche minimale Probleme nicht aufregten. Entgegen unserer Apathie wurde er aktiv und meinte, ob er nicht nach Tillabéri zurückgehen und Hilfe holen soll. Kraftlos wünschten wir ihm Glück und ließen ihn laufen.

Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, hörten wir rundherum im Busch das unverkennbare Geräusch von Perlhühnern. Mackie schnappte sich ein Schrotgewehr und überprüfte den Inhalt einer Schachtel Munition. Die beinhaltete neben Patronen mit 2,5mm-Schrot zwei mit Posten, das waren Bleipatzen, mit denen man Wildschweine erlegen oder sich gegen Angriffe wilder Tiere effizient zu wehren vermag. Dann begab er sich auf Jagd nach Perlhühnern. Ein Unterfangen, dem wir keinen Erfolg gaben, denn diese Laufvögel bemerken das Herannahen einer möglichen Gefahr auf größere Entfernung und flüchten zu Fuß, oder aufgeregt flatternd fliegend, so zeitgerecht, dass man unmöglich zu einem Treffer kommt.

Kopecky und ich saßen im Schatten einer notdürftig zwischen Auto und zwei Kanistern gespannten Decke. Kettenrauchend, teilnahmslos und schwitzend harrten wir über Stunden der Geschehnisse, die da kommen sollten. Die Gruppe Perlhühner war weitergezogen, es herrschte absolute Stille, untermalt vom beständigen Summen der Fliegen, die, angelockt durch den Geruch von menschlichem Schweiß, in uns Kadaver vermuteten. Wir hörten ein Geräusch kräftiger Schritte und mussten die Augen Richtung Himmel heben, zwei Giraffen stolzierten in wenigen Metern Entfernung vom Lager vorbei. Sie hielten an, um uns von oben herab zu betrachten. Kopecky tastete vorsichtig nach seiner Kamera, da ertönte aus weiterer Distanz ein Schuss, und gleich drauf ein zweiter. Die Giraffen setzten sich erschrocken, mit großer Eleganz in Bewegung und flüchteten.

Giraffen flüchten

Dann herrschte wieder endlos lang Stille, in der wir rätselten, ob Mackie sich selbst entleibt hat? Nach reiflichem Nachdenken schlossen wir diese Möglichkeit aus, denn wie hätte er in so einem Fall einen zweiten Schuss abgeben können? Langsam näherte sich die Sonne dem Horizont, die Farben von Busch und Gras, einiger Blüten, sowie der rote Sand der Straße schienen kräftiger zu leuchten. Sorge um Mackie und Banjou kam auf. Weit entfernt erschien auf der schnurgeraden, vor Hitze flirrenden Piste eine Gestalt, die sich langsam in unsere Richtung bewegte. Durch das Swarovskifernglas blickend erkannten wir Mackie. Es dauerte einige Zeit, bis er bei uns eintraf. Mit seinem australischen Rangerhut, dem Gewehr schräg über der Schulter und einer Machete am Gürtel hängend, erinnerte er an Crocodile-Dundee. Er schleppte zwei Perlhühner daher, die er uns mit sichtbarem Stolz und unnachahmlicher Arroganz vor die Füße warf, und sich selbst gleich auf die Gerba, aus der er lange, ohne abzusetzen trank. Seine Erschöpfung war ihm deutlich anzusehen, denn er hatte sich zur Rückkehr aus dem Busch an der Sonne orientiert, dabei aber deren natürlichen Gang nicht eingerechnet. Was ihm einen Umweg von ein paar Kilometern einbrachte.

Bald darauf sahen wir ein Fahrzeug aus dem Norden herankommen. Banjou hatte in Tillabéri einen Mechaniker gefunden, einen Europäer, der einen Pick-up als Abschleppwagen besaß. Wir packten alles Gepäck aus unserem Auto auf die Ladefläche des Werkstattwagens. Der IFA wurde mit einem Seil angehängt, da jede andere Methode wegen des geringen Bodenabstands unmöglich war. Für mich folgte eine höllische Fahrt im IFA. Der Schlepper konnte mit dem anhängenden Fahrzeug nicht dieses Tempo fahren, das notwendig gewesen wäre, um über die Wellblechpisten hinwegzugleiten. In einer dichten Sandwolke sitzend, die mir Sicht und Atem nahm, bekamen ich und unser geplagter F 9 jede Bodenwelle wie Hammerschläge zu spüren. Das Auto tanzte auf der Straße wie ein Motorboot bei hohem Wellengang von links nach rechts. Auf Lenkeinschläge reagierte es überhaupt nicht mehr.

Bei Dunkelheit erreichten wir unser Ziel. Das bestand aus einem kleinen Wohnhaus, einem großen Hof dahinter und einer gedeckten, zur Platzseite offenen Werkstatt. Diese und der von Mauern begrenzte Platz davor waren notdürftig elektrisch beleuchtet. Völlig durchgebeutelt und Sand zwischen den Zähnen stieg ich von leichtem Schwindel erfasst aus. Der eingeebnete Sandboden des quadratischen Hofes war dunkel mit Motorenöl getränkt und festgetreten. Auf einer Seite lagen traurig ein paar Autowracks. In der Werkstatt setzte sich der ölige Boden fort. Dort war er tiefschwarz, und kleine, mit Öl gefüllte Pfützen verteilten sich über die gesamte Fläche. Im langgestreckten Raum standen eng gedrängt verschiedene größere Werkzeugmaschinen. Ausgebaute Automotoren, Getriebe und deren Teile lagen wahllos verstreut herum. An den Wänden zeugten leere Haken von ehemaliger Ordnung. An diesen hingen einmal griffbereit Schraubenschlüssel, Zangen und anderes Werkzeug.

Monsieur Goll, wie der Mechaniker hieß, schraubte sofort den Zylinderkopf ab und wir sahen die Katastrophe. Die Dichtung war gerissen und zerfiel beim Herunternehmen in einzelne Teile. Unsere Reservedichtung war schon in Kerzaz verbraucht worden. Aber wir wären nicht in Afrika, hätte es nicht eine Lösung für dieses Problem gegeben. Monsieur Goll, ein typischer „Petit blanc“, griff zuerst einmal in den mit schwarzem Öl verschmierten Kühlschrank und reichte jedem eine Flasche kühles Bier. Unsere Stimmungslage besserte sich dadurch entschieden. Aus einer dunklen Ecke holte er eine flache Platte aus biegsamem Asbest, das mit einer dünnen Kupferschicht überzogen war. Er könne daraus eine neue Dichtung schneiden und das Auto wäre morgen früh abzuholen. Wir schenkten ihm die zwei von Mackie geschossenen Perlhühner und marschierten in die uns schon bekannte Herberge.

Der Himmel am folgenden Morgen war bedeckt, die Luftfeuchtigkeit hoch. Trotz der frühen Stunde klebten die Hemden nach wenigen Schritten am Körper. Der Weg zur Werkstatt, wo wir das Auto mit unserem gesamten Hab und Gut zurückgelassen hatten, war deshalb mühsam. Monsieur Goll empfing uns froh gelaunt und ausgeschlafen. Ohne Auftrag hatte er den IFA in der Nacht überholt, und erzählte uns das mit Stolz in der Stimme. Die Zündkerzen waren gewechselt, die Bremsleitung repariert und alle Düsen und Filter gereinigt worden. Selbst die Hecktüre schien wieder besser zu passen. Der F 9 stand abfahrbereit im Hof. Wir hatten den Eindruck, er würde lächeln und sich freuen, seine Quälgeister wiederzusehen. Oder haben wir nur unsere eigenen Gefühle auf den Genesenen projiziert? Der Schreck über die sicher enorme Rechnung blieb aus, es wurden nur die Materialkosten verrechnet. Die Arbeit an dem seltenen Zweitakter hätte dem Meister Freude bereitet, außerdem wären wir ihm sympathisch. Gerne nahmen wir dieses Entgegenkommen an und bedankten uns überschwänglich.

Schon beim Anlassen des Motors, selbst die Batterie schien frisch geladen zu sein, empfand ich ein feines Glücksgefühl, das sich bei den ersten Metern Fahrt verstärkte. Der IFA reagierte wie neu, die Lenkung ging leichter und die Bremsen schlugen minutiös an. Unterwegs beobachtete ich meine Freunde aus den Augenwinkeln. Schon lange hatten sie nicht mehr so heitere und zuversichtliche Gesichter. Die Männer vermittelten Stolz, als hätten sie die Reparaturen selbst geschafft, und die Gewissheit, dass sich die Anstrengungen mit dem Zweitakter doch lohnen würden.

Wir hatten die Fahrt über Glück, denn erst vor Niamey überraschte uns ein Tornado, gewaltige Wassermassen stürzten aus den Wolken. Wenige Kilometer vor der Stadt bekamen wir endlich Asphalt unter die Räder. Die Scheibenwischer vermochten die Mengen Wasser, die vom Himmel fielen, nicht bewältigen, sodass wir stehen blieben und abwarteten, bis das Ärgste vorbei war.

Nach dem Tornado
Der Tornado ist vorbei

Binnen weniger Minuten ließ der Regen nach, die Sicht wurde besser, nur die Straße war unter dem entstandenen Sturzbach nicht mehr zu sehen. Ich tastete mich an die Stadtgrenze heran, dann fuhren wir bis zum großen Markt, wo die Sonne wieder schien, als gäbe es keine Regenzeiten. Dort ließen wir Banjou aussteigen, von wo er nicht weit nach Hause hatte. Die Straße dampfte durch die Hitze, und beim Eintreffen im Domizil der Expedition war alles rundherum staubtrocken. Schani und Walter haben in unserer Abwesenheit auf das Haus gut aufgepasst. Die Haupträume waren trotz der Regenstürme trocken geblieben. Schani empfing uns in der Badehose, Walter brutzelte in der „Küche“ im Hof seine bewährten Palatschinken aus Mehl und reinem Wasser.

 

Walter konnte auch Nudeln kochen.
Die „Küche“ hinterm Haus

Der Kassenwart sparte weiter, obwohl Alkaïdi Touré die erste Rate von den versprochenen 120.000 CFA für Père Ubu bezahlt hatte. Aus Vorsicht wollten wir ihm das Auto aber nur dann geben, nachdem es ausbezahlt war, und das möglichst kurz vor unserer Weiterfahrt nach Süden. Würde er in der Zwischenzeit wild im Busch herumfahren, bestünde die Gefahr eines neuerlichen Achsbruchs. Ein solcher wäre für den Humber letal gewesen. Obwohl, unbeladen hätte er zweifelsfrei mehr ausgehalten. Aber, sicher ist sicher. Wir verspeisten gemeinsam die von Walter hergestellten, etwa einen Zentimeter dicken Mehlfladen, die er Palatschinken nannte. Mit dem Öl aus der Sardinendose bestrichen und mit Sardinen belegt eine Köstlichkeit. Die Unterscheidung, ob der gebackene Teig, oder das Rückgrat und die Gräten der Fischlein zwischen den Zähnen mehr knirschten, war nicht leicht zu finden. Walter hat in einer Anwandlung von Selbstverleugnung einen fünf Liter fassenden Bonbon französischen Kiravi-Rotwein auf den Tisch gestellt, der die Verdauung der Billigsardinen, und die Erzählungen beflügelte.

Nach dem verspäteten Mittagessen gab es die heißersehnte Siesta. Es wurde später Nachmittag und etwas kühler in unserem Gemäuer. Nicht nur ich, ebenso Schani und Walter waren auf die Ausbeute der Reise gespannt. Da Kopecky seine Fotofilme in dieser kurzen Zeit nicht zu entwickeln vermochte, stemmte ich das Magnetophon auf meinen Arbeitstisch und legte das erste Band ein. Herzzerreißendes Jaulen erfüllte den Raum. Selbst wiederholtes Rückspulen und neuerliches Einlegen des Tonbandes, sowie mehrmaliges Starten mit dem Schaltknebel brachte keinen geraden Ton zustande. Nervös nahm ich ein älteres, längst geprüftes Band, erzielte damit aber genau denselben Effekt. Der Belgier Schani meinte trocken, dass das „schlimm“ klänge, Walter blickte schweigend tiefernst, Kopecky grinste unverschämt und Mackie gab mir solch technische Ratschläge, wie sie nur von einem gelernten Kaffeesieder stammen konnten. Ich selbst fühlte mich gar nicht wohl in meiner mit Schweiß überzogenen Haut, der sich mit jedem neuerlichen Startversuch vermehrte. Die vier Herren verzogen sich in ihre eigenen Abteilungen, schweigend, ohne ein Wort des Trostes. Im Geiste sah ich mich kleinlaut in Wien in den heiligen Hallen des Phonogrammarchivs in der Liebiggasse, umringt von Mitgliedern der Akademie, die je nach Temperament böse, ernst oder mitleidig reagierend dem Gejaule aus den Lautsprechern lauschten. Kein Albtraum kann schlimmer sein. Allein gelassen ging ich trüben Sinnes daran, das Gerät zu zerlegen. Nach einigem Suchen fand ich die Ursache meiner Verzweiflung in der ausgeleierten Rutschkupplung. Sie musste gegen eine neue getauscht werden. Ersatz aus Wien schicken zu lassen, würde etwa drei Wochen dauern.

Abends folgte ich in gedrückter Stimmung meinen unbeschwert plaudernden Freunden zu einer Einladung auf einen Drink bei Louis Mouren, dem Apotheker. Irgendeine Fügung brachte es, dass der schadhafte Gummiring in meine Hosentasche gefunden hatte. Nach dem zweiten Whisky zeigte ich diesen dem Hausherrn. Der stieg mit mir in seine Werkstatt hinunter, wo wir einen zumindest ähnlichen Ring aus Gummi fanden. Das war ein zarter Hoffnungsschimmer. Wieder zu Hause angekommen nahm sich unser technisch Begabtester, Hans Kopecky, des Werkstücks an. Mittels einer Rasierklinge fertigte er eine annähernd perfekte Kopie des Originalteiles an. Meine Empfindungen zu diesem Erfolg waren leicht ambivalent, denn dadurch hatte der Fotograf bei mir einen Gutpunkt. War mir in dem Moment auch egal. Ich baute das Teil ein. Damit war der Erfolg der Expedition vorläufig wieder einmal gerettet.

In dieser Situation wurde überlegt, wie wir unsere Arbeit, für die zu diesem Zeitpunkt kein Ende abzusehen war, mit einem Auto und fünf Mann gestalten können. Wir hatten an die sechshundert Kilometer afrikanischer Pisten mit einigen Arbeitsplätzen vor uns. Das Platzangebot im IFA für alle Expeditionsteilnehmer mit gesamtem Arbeitsgepäck war zu gering. Wir beschlossen, unseren Sparmeister Walter, per Flug nach Hause zu schicken, wo er die medienwirksame Rückkehr der Expedition vorbereiten sollte. Nur ungern übergab er den Geldbeutel an Mackie, da er sofortiges Verprassen des Schatzes befürchtete. Eine Sorge, die er gleich, fast beleidigend, offen kundtat.

Die Zeit bis zu unserer Abfahrt nach Süden verbrachten wir nicht untätig. Wir lernten Boubou Hama kennen, einen intellektuellen Schriftsteller sowie Politiker und besuchten ihn in der von den Franzosen geduldeten und beaufsichtigten Assamblé National, in der er eine gewichtige Rolle spielte. Er war Mitglied der großen Volksgruppe der Djerma, deren Sprache ich in einem akustischen Diktionär festhielt. Wir fanden einen aufgeweckten Mittelschüler, perfekt in französischer und seiner Muttersprache. Eine recht langwierige und langweilige Arbeit, an der Mackie schnell die Lust verlor. Wir brachen nach den Buchstaben C ab. Ich hätte diese Übersetzung gerne bis zum Ende des Alphabets gebracht, aber andere Tätigkeiten, wie die Vorbereitungen für die Weiterfahrt, nahmen meine Zeit voll in Anspruch.

Akustische Übersetzung der Djermasprache

Wir gaben Zeitungs- und Radiointerviews, und stellten uns sonst recht wichtig dar. Alles das schon in der Absicht, dieses fabelhafte Land, in dem es Wüste, Gebirge, Steppe, Busch und einen in seinem Umfang eher bescheidenen Urwald gab, unbedingt wieder zu besuchen. Mit den für jeden Landesteil typischen ethnischen Besonderheiten, war dieses Land für unsere Arbeit von hohem Interesse.

Interview in Radio Niger

Der Tag der Abreise kam immer näher, Alkaïdi Touré holte Père Ubu ab und brachte das Restgeld in bar mit. Ich versuchte meine Emotionen durch Geschäftigkeit zu unterdrücken, letztlich war der Humber das allererste eigene Auto in meinem Leben. Walter wurde zum Flugplatz gebracht und mit vielen positiven Wünschen in das Flugzeug der Air France gesetzt. Das persönliche Equipment reduzierten wir auf das Nötigste. Es folgten nicht wenige beachtenswert feuchte Abschiede von unseren neu gewonnenen Freunden in Niamey, und wir verließen alle mit dem ehrlich gemeinten Versprechen, wiederzukommen.

Fotos alle Rechte: H. M. Prasch, Diktionär: Phonogrammarchiv der Akademie der Wissenschaften

22. KAPITEL – Allein in der Hamada – Benin – König Aho

Heute ist ein wunderschöner Tag, trotz intensiver Sonneneinstrahlung etwas kühler als die vorhergegangenen. Michelle und François haben zeitig am Morgen aus Tessalit angerufen und ihre voraussichtliche Ankunft gegen Abend mitgeteilt. Ich nütze die Zeit bis zu ihrem Erscheinen und gehe die von mir benützten Räume aufmerksam durch, wobei ich an einigen Stellen angesammelten Sandstaub wegwische. Das Haus soll ihnen makellos übergeben werden. Es wäre möglich, dass ich etwas liegen gelassen, gebrauchtes Geschirr nicht abgewaschen und nicht an seinen Platz gestellt habe. Nach dem Zurechtrücken der Stühle im Gastraum und in der Küche verziehe ich mich zufrieden in mein Turmverlies. Es bleiben ein paar Stunden bis zum Eintreffen der beiden, die ich mit Schreiben von Entwürfen für das nächste Kapitel verbringe.

In der Dämmerung des Abends treffen meine Wirtsleute ein. Müde und verstaubt von der anstrengenden Fahrt, aber gut gelaunt. Verschmitzt lächelnd überreichen sie mir eine Flasche Pastis 51 mit der Anmerkung, damit ich bei der Heimfahrt meine Kehle desinfizieren könne. Sie wissen, dass ich dieses Getränk liebe. Michelle zieht aus ihrer Tasche ein dickes Päckchen Nasen- und Mundschutzmasken und legt es neben die Flasche auf den Tisch. In Europa werde ich das sicher brauchen, meint sie. Bei einigen Fläschchen Bier der Brasserie Kronenbourg erzählen wir in kurzer Form unsere Erlebnisse der letzten Tage. Ich ändere den Plan für meine Abreise. Mich drängt es, vor der Rückkehr nach Europa noch etwas Zeit in der Wüste zu verbringen, um endgültigen Abschied von diesem Stück Erde voll unbegrenzter Wunder zu nehmen. Gleich morgen werde ich das Organisieren dafür angehen.

Nächster Abend in der Dämmerung. Ich werde voraussichtlich einige Tage unterwegs sein, wofür Vorbereitungen notwendig sind. François war so freundlich und hat schon am Morgen meinen Landrover durchgecheckt, wechselte sogar das Motoröl, prüfte die Luft im Reservereifen und das Werkzeug. Vorsorglich schenkt er mir ein Paket Dichtungsmittel für den Kühler. Die Gerba wird mit Wasser angefüllt und auf Flüssigkeitsverlust überprüft, indem sie einige Stunden gefüllt in der Garage hängt. Ich packe das Feldbett zusammen, zwei Decken und anstatt eines Kopfpolsters den Parka ins Auto. Die Sandleitern hängen festgezurrt an den Seiten des Autos, das Navi funktioniert. Michelle füllt in mütterlicher Fürsorge eine Metallkiste mit Lebensmitteln, die sicher für einen Monat reichen würden. Sie stellt die Vorräte in den Rover, denn dort ist es zu dieser Jahreszeit in der Nacht recht kühl. Ich reinige mein Jagdgewehr, die Munition dafür packe ich zu der Wäsche in den handlichen Koffer. Wiederholt fragt mich François, ob er nicht doch mitfahren solle. Ich verstehe seine Besorgnis, denn er kennt die Wüste wie kaum ein anderer Weißer. Aber ich wünsche mir ein paar Tage wieder das Gefühl der absoluten Ruhe und Stille in den einsamen Weiten der Sahara, sowie mittendrin ihre Vertrautheit zu erleben.

Vor dem ersten Morgengrauen versuche ich mich leise aus dem Haus zu bewegen. Doch alle Vorsicht ist vergebens. Im Gastraum, den ich zu durchqueren habe, steht schon Michelle, eine Kanne voll heißen Tees vor sich auf einem Tisch. Dazu hat sie ein Stück Baguette mit Paté de fois vorbereitet. Um sie nicht zu verletzen, nehme ich etwas Tee und ein paar Bissen des liebevoll bestrichenen Brotes. Beim Hinausgehen hält sie mich zurück, und drückt mir auf jede Wange einen Kuss. Eine überraschende Geste, die mich nachdenklich stimmt.

Endlich starte ich meinen Landrover. Im Licht der Scheinwerfer ist Michelle zu erkennen, die das Einfahrtstor öffnet. Im Vorbeifahren winke ich ihr zum Abschied durch das offene Seitenfenster zu. Schnell schließe ich es wieder, denn es ist an diesem Morgen empfindlich kalt. Bei der Hauptpiste angelangt, biege ich in Richtung Westen ab und nehme zügig Fahrt auf. Der Motor des Landrovers läuft gleichmäßig und bringt den Wagen rasch auf die notwendige Geschwindigkeit, die ihn über die harten Wellen der Piste fliegen lässt. Im Rückspiegel sehe ich am Horizont einen schmalen hellblauen Streifen, der den Tag ankündigt, vor mir herrscht tiefe Nacht. Ich darf im Licht der Scheinwerfer die nicht gekennzeichnete Abzweigung nach Norden nicht verpassen, die das Navi nicht anzeigt.

Bei hoher Reisegeschwindigkeit konzentriere ich mich auf die rechte Seite der Piste. Zwei vom Scheinwerferlicht geblendete Gazellen queren in Panik meine Fahrspur. Ich reiße das Lenkrad herum und verfehle nur knapp die erschrockenen Tiere. Gleich darauf taucht die Abzweigung nach Norden auf, erkenntlich an den die Piste markierenden Häufchen aus Sand und Steinen. Die Strecke ist schmal, mehr ein Fahrweg, was den Vorteil hat, dass dort selbst die Laster langsam fahren, wodurch sich das Wellblech nur wenig aufbaut.

Im Osten erhebt sich die Sonne rasch über den Kamm der Berge und in den ersten Strahlen werfen die in der Hamada herumliegenden Steine und trockenen Büsche scharf abgegrenzte Schatten. Ein einsamer Fennek schaut mich voll Interesse aus wenigen Metern Entfernung an, als ich knapp an ihm vorbeirausche, bleibt er ungerührt sitzen. Nur kurz deutet er eine Fluchtbewegung an. Sicher hat er in dem Moment eine Wüstenmaus zu seinem Frühstück im Visier. Es ist die Zeit am Morgen, in der die Tiere der Wüste unterwegs sind, bevor sie sich vor der glühenden Mittagshitze verkriechen. Die Piste wird immer schwächer erkennbar, bis sie nach einer kleineren Sandverwehung überhaupt verschwindet. Ich fahre durch einen abgelegenen Teil der Sahara, weit entfernt von Tourismus oder militärischem Übungsgebiet. Je tiefer ich in dieses, einem Reservat ähnlichem Gebiet eindringe, umso öfter treffe ich auf Gazellen und einige wenige Antilopen. Die äsenden Tiere werfen in der flachen Sonne unrealistisch verzerrte lange Schatten auf den steinigen Boden. Das von meinem Auto verursachte Fahrgeräusch veranlasst stört sie kaum, nur Vereinzelte heben kurz ihre Köpfe.

Gerne würde ich stehen bleiben, um diesen bezaubernden Anblick zu genießen, doch sobald ich anhalte, flüchten sie weit weg in die Wüste. Der Grande Erg macht sich am späten Vormittag, die Sonne steht schon hoch am Himmel, durch unregelmäßig auftretende Sandverwehungen bemerkbar. Meine Glückshormone schlagen förmlich Purzelbäume. Weit weg von politischen Querelen, Pandemie, Konsumwut und finanziellen Sorgen, wird das Gefühl von einer absoluten Freiheit zur Realität. Untermalt von dem verlässlich brummenden Motor des Landrovers, fühle ich mich sicher und geborgen. Ähnliches widerfuhr mir bei den Alleinflügen mit der alten Piper JP3C oder in Perú bei durch LSD-Einfluss beschwingten Fahrten mit meinem Jeep durch die Atacamaberge. Doch diese Erfahrungen dauerten jeweils nur wenige Stunden und waren Zwängen, wie vorgeschriebene Flughöhe und -zeit, beziehungsweise dem Nachlassen der Wirkung der Droge unterworfen. Einschränkungen, die hier durchweg nahezu wegfallen. Die Dauer meines Aufenthaltes in der Wüste bleibt mir allein überlassen und das Berauschende wird durch die Sahara selbst vermittelt.

Trotz der kühleren Jahreszeit brennt tagsüber unbarmherzig die Sonne. Ich beschließe, eine Mittagspause einzulegen. In der von Michelle gefüllten Metallkiste finden sich Lebensmittel, so sorgsam ausgewählt, dass sie dem edelsten Catering zur Ehre gereichen könnten. Zum Schutz gegen die Sonne spanne ich mittels zwei für diesen Zweck mitgeführten Holzstangen eine Zeltplane vom Dach des Rovers und mache es mir darunter bequem. Ich bin versucht zu dem auserlesenen Buffet eine Flasche Rotwein zu öffnen, befürchte aber davon müde zu werden, und trinke lieber kühles Wasser aus einer Gerba zum Essen. Der Sättigung folgt eine ausgiebige Siesta, die ich erst nach der größten Mittagshitze beende.

Die Hamada ist flach und größere Steine, die dem Auto gefährlich werden könnten, liegen gut sichtbar und nur vereinzelt herum. Ich strebe meiner ersten Nacht unter freiem Himmel entgegen und suche einen tauglichen Platz. Davon gibt es unendlich viele in der ebenen Wüste. Rundum nur Horizont. Somit bestimmt die Tageszeit den geeigneten Ort für die Nachtruhe zu finden. Im matten Licht der Dämmerung stelle ich mein Feldbett auf. Der Schlafsack wird gegen die Kälte der Nacht notwendig sein. Jetzt ist die Zeit für das Öffnen der Weinflasche gekommen. Der Korken wird zum Wiederverschließen sorgfältig gehütet. Mit dem Wein gibt es wieder ein paar Bissen von dem köstlichen Proviant und tiefer Friede bemächtigt sich meiner.

Inzwischen ist es schlagartig dunkel geworden. Touareg hätten ein Lagerfeuer angezündet, ich begnüge mich mit einer elektrischen Taschenlampe und der Innenbeleuchtung des Rovers. Das Feldbett steht eng am Auto, das gegebenenfalls vor aufkommenden Wind schützt. In greifbarer Nähe das geladene Jagdgewehr. Da die Luft noch recht warm ist, lege ich mich auf den Schlafsack und blicke in den unendlichen Sternenhimmel. Bis jetzt versteckt sich der Mond hinter dem Horizont, sodass selbst kleine und weit entfernte Sterne hell zur Geltung kommen. Großes Gedränge herrscht da oben bei den funkelnden Lichtern, viele liegen so eng beieinander, als wären sie miteinander verschmolzen. Nach kurzer Zeit zeigt sich der Mond im Geglitzer des Himmels und taucht die Wüste ringsum in unwirklich erscheinendes Licht. Aus weiter Ferne höre ich Schakale durch ihr unverkennbares Jaulen kommunizieren, manchmal durch Kläffen unterbrochen. Solche Raubtiere sind für den Teil der Sahara eher ungewöhnlich. Anscheinend hat sich die Mischung von Wolf und Wildhund vom Süden her in diese Enklave zu dem hier lebenden Wild durchgeschlagen. Ein sichernder Griff zum Jagdgewehr wirkt beruhigend. Das Zusammenspiel von Gestirnen und den Lauten der Tiere wandelt meine Zufriedenheit in selten woanders erfahrenes Glücksgefühl, lässt mich einschlafen. Die Arme lasse ich zur Vorsicht außerhalb des Schlafsacks, weshalb die Kälte mich bald weckt. Da keine Schakale mehr zu hören sind, schlupfe ich vollends in den Daunensack und schlafe tief dem Morgengrauen entgegen. Dass die kleinen Räuber gefährlich nahe im Dunkel der Nacht geräuschlos um mein Lager herumgeschlichen sind, erkenne ich an den zahlreichen Spuren, die sie im Sand hinterlassen haben.

Der Morgen ist kalt, der Himmel im Westen und ober mir schwarz, mit stets weniger werdenden Sternen. Im Osten wird es zügig heller. Das Feldbett und die anderen Habseligkeiten sind schnell im Auto verstaut, die Piste führt mich weiter in Richtung des westlichen großen Ergs. Die Sonne heizt schon heftig, die verdorrten Pflanzen und Büsche in dem Gebiet werden seltener. Gefährliche Steine auf der nicht vorhandenen Straße werden weniger. Ich fühle mich unbeschwert glücklich und steige aufs Gas. Das Navi hängt am Zigarettenanzünder und zeigt mir auf einer gelben Fläche ohne Merkpunkten recht genau die Fahrtrichtung an. Ungebremst fahre ich wie und wo es mir Spaß macht, und so schnell das Auto es vermag. Bis zu einer leichten Bodensenke, die sich von der Umgebung durch hellere Farbe unterschied, war es reiner Fahrspaß. Ach was, bedenkenlos drüber, bei dem Tempo ist das kein Thema! Typischer Fehler, den in der Wüste nur Anfänger machen. Der Wagen wird langsamer, gräbt sich in den losen Flugsand ein, ruckelt ein paarmal, und bleibt stehen. Mitten drin. Kein Problem, der Landrover hat ein Zwischengetriebe, das die volle Motorkraft auf die Räder bringt. Ich schalte es ein, der Motor startet anstandslos und der Wagen bewegt sich. Aber nicht in Fahrtrichtung, sondern auf allen vieren senkrecht in Richtung Erdmittelpunkt. So lange, bis die gesamte Karosserie voll aufsitzt.

Jetzt kommen mir meine Erfahrung der früheren Fahrten durch die Sahara zu Hilfe. Das bedeutet aussteigen, Sandbleche abnehmen, Schaufel in die Hände nehmen und graben. Reine Routine. Der schwere Wagen bewegt sich vorwärts, immer um eine Länge der Bleche von zwei Metern. Und das mehrmals hintereinander. Das steht in keiner Relation zu den einhundertsechzig Kilometern Fahrleistung der letzten Stunden. Geduld ist eine der wichtigsten Tugenden in Afrika, doch angesichts der Ausdehnung des Sandfeldes und der Strecke, die vor mir liegt, wird sie erheblich auf die Probe gestellt. Im Laufe des ungezählten Grabens, die Bleche legen, einsteigen, den Motor starten, zwei Meter fahren, aussteigen, wieder schaufeln, wird es Mittag. Die Sonne steht im Zenit. Sind seit meiner letzten Wüstenfahrt während der Jahre in Europa wichtige Erfahrungen verloren gegangen? Der Rover und ich werfen kaum Schatten, verschwitzt arbeite ich verbissen weiter.

Eben ist das rechte Vorderrad dran, freigeschaufelt zu werden. Da vermeine ich, schlagartig auf einem im Sturm schlingernden Schiff zu sein. Der Schwindel ist so heftig, dass ich am Kotflügel entlang zu Boden gleite und im heißen Sand sitzen bleibe. Ringsum gibt es nur bewegte See vortäuschende Fata Morgana. Benommen verbringe ich hockend eine Weile regungslos, den Kopf fest gegen das Autoblech gedrückt, denn nur dann dreht sich die Wüste nicht wie ein Karussell. Intensiver Durst macht sich immer quälender bemerkbar. Ein Versuch, die hoch oben am Wagen hängende, mit kühlem Wasser gefüllte Gerba zu erreichen, scheitert auf halben Weg. Schnell lasse ich den Halt bietenden Rückspiegel wieder los und falle in die sichere Sitzposition zurück. In der verbleibe ich, damit das Gleichgewicht bewahrend. Der Schweiß verdunstet, das Hemd trocknet in der glühenden Sonne. Langsam regt sich leises Angstgefühl, das ich zu unterdrücken suche. Mittlerweile erscheinen die in Afrika allgegenwärtigen Fliegen. Sie sind lästig und lassen sich nur für Sekunden vertreiben. Frech versuchen einige, etwas von der Flüssigkeit meiner Augen zu ergattern. Diese Insekten sind es, welche Infektionen übertragen, die bei vielen Kindern in Afrika zur Blindheit führen. Zwinkern der Augenlider stört sie nicht, ich scheuche sie mit den Händen, auf deren verschwitzten Rücken Sand vom Graben klebt. Eine Fliege sitzt auf meinem angewinkelten Knie und putzt sich, indem sie ihre Vordergliedmaßen, die Organe für ihren Geschmackssinn, verschränkt bewegt. So wie ein seiner Verantwortung bewusster Bürger gründlich die Hände wäscht, um sich vor Krankheiten zu schützen. Dieser Gedanke wird immer zwingender und erhält eine Wichtigkeit, die sämtliche anderen möglichen Einfälle ausschließt. Händewaschen, es wiederholt sich endlos, wie ein Mantra, Händewaschen, Händewaschen klingt es ausschließlich, allen verfügbaren Platz weiteren Denkens für sich einnehmend. Endlich wird es sogar den Fliegen in der prallen Sonne zu heiß und sie verstecken sich an irgendeinem Ort im spärlichen Schatten eines Spenders, den es gar nicht geben kann. Dafür rasen rötliche Silberameisen in unerhörter Geschwindigkeit um mich herum, die einzigen Tiere, welche die Mittagssonne in der Sahara zum Futter sammeln nützen, weil sie da vor Fressfeinden sicher sind. Hochbeinig, um den Körper vor Verbrennungen durch den glühend heißen Sand zu schützen, jagen sie scheinbar sinnlos Haken schlagend durch die Gegend. Nur meinen Kopf nicht bewegen. Überhaupt alles stillhalten und Kraft sparen. Die in der Wüste lebenden Touareg stellen in solchen Situationen möglichst viele Körperfunktionen ein, damit sie ja keine Flüssigkeit verbrauchen, und so Chancen haben zu überleben.

Wie ich so dahin döse, fällt mir mein vor vielen Jahren verstorbener Freund Max (Mackie) Lersch ein, dessen Asche im l‘Aïr ausgestreut wurde. Etwa tausend Kilometer Luftlinie liegen dazwischen, aber hier in der Hamada, herrscht die gleiche Ruhe und Einsamkeit, wie dort im Gebirge. Somit würde ebenfalls ich die enge Verbundenheit zur Sahara mit den Überresten meines Körpers dokumentieren, sollte ich das Leben an dieser Stelle hier aushauchen. Ich versuche Schatten unter dem Auto zu finden, doch da ist kein Platz zwischen Sand und Karosserie. Es scheint mir bestimmtes Schicksal zu sein, hier mit geschlossenen Augen in der Sonne zu verdorren. Händewaschen halluziniert es in mir, immer wieder Hände waschen. Spitze Schmerzen in meinem Fußgelenk bringen mich etwas in die Wirklichkeit zurück. Verursacht durch Schrauben, Platten und Nägel, die man mir vor vielen Jahren wegen eines Drehbruches auf und in die gesplitterten Knochen montiert hat. Die dehnen sich in der Hitze aus. Merkwürdig, der Schmerz bereitet mir Freude, denn er beweist, dass ich lebe. Der nächste Versuch, mich zu erheben, scheitert schon im Ansatz. So sinke ich zurück in eine tiefe Agonie.

Langsam wieder zu Bewusstsein kommend, vermeine ich, kühlendes Wasser an den Handgelenken und -flächen zu spüren. Ich brauche es aber im Gesicht! Bevor sich die Hände reflexartig heben, rinnt es schon kalt auf meinen Kopf, den Hals und unter das Hemd. Erschrocken öffne ich die Augen und erblicke nahe bei mir eine junge Frau, Wasser aus einer Kalebasse über mich leerend. Ihr zauberhaftes Antlitz gleicht dem der Carità des antiken Malers Guido Reni. Diese Targia ist geschminkt, auf die Art, wie es nur bei den Imohar, den Adeligen der Touareg, üblich ist. An meiner anderen Seite bemerke ich einen hochgewachsenen Targi, der mir mit seiner blauen Gandura (Überwurf) Schatten spendet. Er ist mit einem Litham (weißes Tuch) unter seinem prächtigen Tegelmust (geschlungener Turban) verschleiert. Einige Stunden dürften seit den Schwindelanfällen und meiner Ohnmacht vergangen sein, denn die Sonne steht nicht mehr im Zenit. Ein zartes Lächeln ziert das Gesicht der Targia, da sie Lebenszeichen bei mir bemerkt. Die beiden wechseln ein paar Worte in ihrer Sprache Tamaschek. Ich richte mich etwas auf und sie reicht mir die Kalebasse, in der eine bescheidene Menge kühles Wasser schwappt.

Trotz des höllischen Durstes vermag ich nur in kleinen Schlucken zu trinken. Da ich ein Roumi, ein Fremder bin, spricht sie mich auf Französisch an. Ob sie von der Gerba am Auto nachfüllen darf, fragt sie, ich nicke kurz. Sie füllt die Kalebasse halbvoll, ohne nur einen Tropfen zu verschütten. Das Wasser ist nicht so kalt wie das von vorhin, trotzdem angenehm kühl. Es wundert mich, dass der Umhang des Targi ausreichend Schatten wirft. Sicher war ich ein paar Stunden in der Sonne gelegen. Der Versuch aufzustehen, missglückt wieder. Zumindest das Schwindelgefühl ist verschwunden. Die besorgte Frage der Targia, ob ich verletzt sei, kann ich verneinen. In einiger Entfernung lagern Kamele in der Ebene und dazwischen laufen geschäftig Menschen. Einer von ihnen kommt mit langen Holzstangen und einer großen gebündelten Wolldecke auf uns zu. Der Targi sagt ihm irgendetwas auf Tamaschek und die beiden bauen eine Art Sonnendach über den Platz, wo ich liege.

DTrotz des höllischen Durstes vermag ich nur in kleinen Schlucken zu trinken. Da ich ein Roumi, ein Fremder bin, spricht sie mich auf Französisch an. Ob sie von der Gerba am Auto nachfüllen darf, fragt sie, ich nicke kurz. Sie füllt die Kalebasse halbvoll, ohne nur einen Tropfen zu verschütten. Das Wasser ist nicht so kalt wie das von vorhin, trotzdem angenehm kühl. Es wundert mich, dass der Umhang des Targi ausreichend Schatten wirft. Sicher war ich ein paar Stunden in der Sonne gelegen. Der Versuch aufzustehen, missglückt wieder. Zumindest das Schwindelgefühl ist verschwunden. Die besorgte Frage der Targia, ob ich verletzt sei, kann ich verneinen. In einiger Entfernung lagern Kamele in der Ebene und dazwischen laufen geschäftig Menschen. Einer von ihnen kommt mit langen Holzstangen und einer großen gebündelten Wolldecke auf uns zu. Der Targi sagt ihm irgendetwas auf Tamaschek und die beiden bauen eine Art Sonnendach über den Platz, wo ich liege.

In dieser unvergleichlichen Stimmung verliere ich mich in Gedanken für das anschließende Kapitel des Buches. Dieser vorletzte Abschnitt meiner ersten größeren Afrikaexpedition gilt hauptsächlich dem Bemühen, das uns verbliebene Auto möglichst vollständig nach Hause zu bringen.

Targia

Oh ja, wir hatten genug vom Standort Niamey und wünschten uns sehnlichst, weiterzufahren. Endlich waren alle Vorbereitungen für die Abfahrt getroffen. Wir hatten in der Werkstatt eines Franzosen einen Dachträger aufs Auto montieren lassen. Das gesamte Gepäck für die zukünftige Reise war zusammengestellt und harrte darauf, in oder auf das Fahrzeug geladen zu werden. Aber wir haben nicht mit dem Eigenleben des IFA gerechnet. Sein Vergaser begann ohne sichtbaren Grund zu rinnen und der Motor starb bei jedem Mal Gas geben ab. Anstatt vergnügt die Piste nach Südosten unter die Räder zu nehmen, schoben wir das Auto im Kreis herum, da folgerichtig durch die vielen Versuche die Starterbatterie leer war. Mackie und Schani trieben ein Ladegerät auf. Die Stimmung hatte die Minusgrade eines kalten Wintertages an der Spitze des Nordpols erreicht. Mit irgendeiner erfundenen Ausrede spazierten die drei Freunde nochmals in die Stadt. Ich blieb mit dem kranken Auto und dem Äffchen Joko allein. Es brauchte Stunden, bis ich den Motor zumindest zu stotterndem Laufen brachte. So konnte ich das Fahrzeug in die nahe gelegene Werkstatt des Franzosen bringen. Drei Mechaniker kümmerten sich dort um den Vergaser. Gegen Abend lief der Wagen wieder und ich begab mich zufrieden und glücklich auf den Heimweg. Im Quartier angekommen, waren die drei Expeditionsteilnehmer schon zurückgekehrt und saßen in engem Kreis, in philosophische Gespräche verstrickt. Weil der mildtätige Apotheker Louis Mouren ihren Frust mit zahlreichen Whiskys zu verringern geholfen hatte, waren sie stockbesoffen. Für meine aufopferungsvolle Arbeit erhielt ich freilich kein Wort des Lobes, nur den Auftrag, etwas Sättigendes herbeizuschaffen. Zumindest brachten sie von der Post eine Sendung der AEG aus Wien mit der Kupplung für das Tonbandgerät KL 25 mit. Was mich daran erinnerte, wozu ich genau genommen nach Afrika aufgebrochen war.

Einer Abfahrt am nächsten Morgen stand nichts mehr im Wege. Frühzeitig beluden wir frohgemut und fachgerecht nochmals das Fahrzeug. Bis sich die Federn so weit durchgebogen hatten, dass die Karosserie auf den Achsen aufsaß und das Heck den afrikanischen Sandboden nur um Millimeter verfehlte. Das aber ohne Passagiere mit an die 350 Kilogramm Lebendgewicht. So fuhren wir zu den drei Mechanikern, dem nächstgelegenen vertrauten Ort, und deponierten alles, was an letztem Privatem übriggeblieben war, in ihrem Büro. Sie versprachen uns die verlässliche Nachsendung nach Cotonou. Endlich war der IFA mit Arbeitsgepäck und Insassen abfahrbereit. Schwer fiel der Abschied von unserem Boy Kindo, den wir, ob seiner Intelligenz und seinem Fleiß, mit nach Wien nehmen wollten. Aber der IFA war zu klein für diesen zusätzlichen Fahrgast. Das Heck des Autos hatte keine Berührung mehr mit der Straße, die Watfähigkeit betrug etwas über einen Zentimeter. Eine hoffnungsvolle Ausgangsposition für die Bewältigung der folgenden tausend Kilometer afrikanischer Piste in Richtung Süden zur Küste. Ganzkörpergepflegt, angetan mit nach Waschmittel duftender Kleidung und frischer Unterwäsche, selbst Joko, der Affenjunge war sauber gebadet, entschlossen wir uns zu einem Abschiedsessen. Das waren geeignete Voraussetzungen für einen Besuch des vornehmen Restaurants „Relais“ am Flugplatz von Niamey. Dieses Lokal bisher ungestillter Sehnsüchte aller Expeditionsteilnehmer, in das wir in den Wochen des Aufenthaltes nie einkehren durften. Aus Kostengründen und wegen unseres Kassenwartes unergründlicher Abneigung gegen Ernährung, die über Ölsardinen und einem Mehl/Wassergemisch, das er Palatschinke nannte, hinausging. Praktischerweise lag der Flughafen gleich neben der geplanten Strecke, die wir zur Weiterfahrt nehmen mussten. Außerdem wurde seit dem Abflug Walters unsere Barschaft vom Expeditionsleiter verwaltet. Das Mahl war opulent, fünf Gänge in klimatisiertem Ambiente, auf mit weißen Tüchern gedeckten Tischen auf Porzellan serviert. Selbst Joko benahm sich, von der außerordentlichen Atmosphäre beeindruckt, äußerst gesittet.

Gegen Mitternacht kehrten wir gesättigt und zufrieden unter den dicht herabstürzenden Wassermassen eines heftigen Tornados der Stadt Niamey und damit jedwedem Luxus den Rücken. Schani, unser Ältester, saß am Steuer. Eine Fahrt ins Ungewisse, denn die gebündelten Lichtstrahlen der Scheinwerfer beleuchteten nur eine undurchsichtige Regenwand. Die Scheibenwischer arbeiteten ohne sichtbaren Nutzen mit Höchstgeschwindigkeit, feiner Sprühregen drang durch die Spalten der abgenützten Fensterdichtungen. Joko kuschelte sich bei demjenigen an, bei dem es im Moment am wenigsten nass war. Doch niemand von uns zog einen neuerlichen Aufenthalt durch Abwarten der Wetterbedingungen in Betracht. Im Schritttempo tastete sich unser Belgier weiter. Wie er es geschafft hat, auf der Straße zu bleiben, war sicher dem vorher genossenen vortrefflichen Essen und Trinken zu verdanken. Nach einigen Kilometern endete der Asphalt und die Wellblechpiste bestimmte das Fahrtempo. Wir hatten Glück, der Regen hörte ebenso schnell wieder auf, wie er begonnen hatte, denn langsames Fahren über die Wellen der Sandpiste hätte das Auto zerrissen. Wir kamen bis Dosso und fielen todmüde in die frisch überzogenen Betten eines Campement de chasse, einem Jagdlager. Bis Mittag verbrachten wir dort die Zeit mit diversen kleineren Reparaturen. Diese angenehme Pause nützte Kopecky, um ein Perlhuhn zu erjagen.

Im Jagdlager

Die dreihundert Kilometer bis Gaya, der Grenze zu Dahomey, jetzt Benin genannt, bewältigten wir in der Rekordzeit von fünf Tagen. Es gab einige Strecken, in der die Zündung des Autos nicht streikte. Sicher waren es der eintretende Gewöhnungseffekt und die Gewissheit, uns in Richtung Meer zu bewegen, welche die Nerven in Zaum hielten. Schani und ich versuchten, das Auto immer wieder in Gang zu bringen, die anderen begaben sich lieber zur Jagd. Das änderte für einige Zeit entschieden die Gewohnheiten unserer Ernährung. Zu jedem Frühstück wurden ein oder zwei Perlhühner verzehrt. Wir durchquerten ein Gebiet mit einer bedeutenden Population an Löwen, trotzdem übernachteten wir meistens im Freien, in großer Feuchtigkeit, umschwirrt von Moskitos und mit etwas mulmigen Gefühlen. Doch die Geräusche der Wildtiere, die aus fern oder nah vor dem Einschlafen an die Ohren drangen, haben sich unvergesslich in unser Bewusstsein eingebrannt.

Knapp vor der eigentlichen Grenzstation hatte der Regen wieder sintflutartig eingesetzt. Wir fuhren immer dann, sobald sich das Auto entschloss, zu funktionieren. Kein Wunder, bei mit Wasser getränkten Luft. In der Zeit, in der die anderen schliefen, legte im Turnus einer von uns den Verteiler trocken. Das brachte zwar den jeweiligen Biorhythmus in Unordnung, war aber dem Weiterkommen zuträglich.

Die Administrationen der Gebiete, die wir zu durchqueren hatten, waren in der Regenzeit dazu angehalten, Straßensperren zu errichten. Sie sollten Autos davon abhalten, die mühsam hergerichteten Pisten zu zerstören oder im Morast zu versinken. Da außer uns kein vernünftiger Mensch bei Nacht und Regen die Straßen benützte, waren die Regenbarrieren nicht beleuchtet. Was fast ein unrühmliches Ende der Expedition herbeiführte. Zu spät sah Schani bei hohem Tempo das Bollwerk, die abgenützten Bremsen griffen kaum, der Wagen rutschte seitwärts in den frisch ausgehobenen Straßengraben. Mackies Kopf knallte gegen die Windschutzscheibe, Kopecky und ich wurden an die Vordersitze geschleudert. Es herrschte absolute Dunkelheit in und um das Auto. Niemand kannte unseren Standort und wo sich diese Barrière de pluie befand. Nur die aufgeregten Schreie des hyperaktiven Joko unterbrachen die Stille. Zu allgemeinem Missvergnügen bekam er darüber hinaus heftigen Durchfall. Der dadurch entstandene Gestank trieb uns aus dem Auto, wo wir in knöchelhohem Wasser landeten.

Keiner von uns war verletzt, nur Mackie hatte eine kleine Beule. In ungewohnter Gefasstheit hob der Expeditionsleiter zu fluchen an. Selbst der ihm bei solchen Gelegenheiten eigene Einfallsreichtum war ihm in dieser Situation abhandengekommen. Er wiederholte in Endlosschleife nur ein Fäkalwort in oftmals geübtem Crescendo. Der Himmel war von tiefen Wolken verhangen, die Luftfeuchtigkeit betrug bei hoher Temperatur geschätzte hundert Prozent.

Gegen Morgen zeigte sich am Horizont ein heller Streifen. Das Ausmaß der Katastrophe wurde sichtbar. Der IFA steckte tief im Schlamm, der die Kühlerhaube halb bedeckte. Es sah hoffnungslos aus. Das Versprechen, den Wagen auf jeden Fall nach Hause zu bringen, war nicht mehr einzuhalten. Im Morgengrauen machten wir uns daran, das Auto zu entladen und das Material auf der Piste aufzutürmen. Das musste auf jeden Fall gerettet werden. Aber wie? Da die Straßensperre bei den Einheimischen bekannt war, gab es keinen Verkehr. Wir bereiteten uns auf einen längeren Gepäckmarsch vor. In einer rational nicht zu begründenden Anwandlung kletterte ich zurück in den IFA und drehte den Zündschlüssel. Der Motor sprang bei der ersten Umdrehung des Anlassers an und reagierte auf das Gaspedal! In schweißtreibender Arbeit brachten wir mit Motorkraft und Manpower das Fahrzeug wieder auf die Piste. Mackie und Kopecky erkundeten die Umgebung und fanden kurz vor der Barriere eine Abzweigung, die in den Busch führte und bei Dunkelheit nicht zu erkennen war. Die könnte unsere Rettung sein. Autofahrer in Afrika suchen Hindernisse und Absperrungen zu umfahren und legen dabei eigene Fahrspuren an. Kopecky zauberte aus einem seiner Gepäckstücke die lange vermisste Flasche Rossbacher Magenbitter hervor, die reihum ging. Niemand war ihm böse.

Das Beladen des Expeditionsfahrzeuges war schnell erledigt. Die Vorderachsen schienen nichts abbekommen zu haben, der Wagen spurte exakt bis zu der Abzweigung, die wir vertrauensvoll unter die Räder nahmen. Sie war zwar voraussichtlich sicherer als der abgesperrte Abschnitt der Hauptpiste, hatte aber den Nachteil, dass sie nicht existierte. Viele Stunden verbrachten wir mit schieben und dem Bau von Knüppeldämmen auf tiefen Morast. Einen Tag später erreichten wir Kandi und besuchten in stolzem Bewusstsein über das Geleistete, umgehend den Commandant-Cercle. Der aber wollte uns überhaupt nicht. Nicht einmal sein Haus durften wir betreten. Neben unserer abstoßenden, verdreckten und verschwitzten Adjustierung, die dem Franzosen offensichtlich missfiel, war er sicher sauer, weil wir seine Straßensperre missachtet hatten. In seiner Respekt gebietenden sauberen Uniform mit messerscharfen Bügelfalten und glatt rasiertem Kinn wies er uns, damit die inneren Werte der Expeditionsteilnehmer missachtend, die Türe.

Müde und zornig ob der ungewohnten Abfuhr zogen wir ab und fanden die Missionsstation irgendeiner amerikanischen protestantischen Glaubensrichtung. Dort lebten drei Missionare, welche davon überzeugt waren, dass sie die schwarzen Schäfchen eher bekehren könnten, indem sie sich dem Lebensstil der autochthonen Bevölkerung anpassten. Ungeachtet unseres Äußeren wurden wir freundlich aufgenommen. Geduscht und mit der zweiten Garnitur bekleidet, holte man uns zum Essen. Es gab panierte Zwiebelscheiben in einer mit Honig gesüßten Soße und eine kleine Auswahl anderer Gemüse, ebenfalls mit gezuckertem Sirup gewürzt. Dazu bekamen wir glasklares gefiltertes Wasser, das seine Herkunft aus einem lehmigen Brunnen nicht verleugnete. Ob wir einen Sohn des Königs von Abomey, einen Prinzen, kennenlernen möchten? Begeistert bejahten wir, denn man war ja nicht nur zum Autobewegen nach Afrika gefahren. Die lange Pause hat unsere Arbeitsmoral keineswegs vermindert. Mich juckte es in den Fingern, beziehungsweise in den Ohren. Wir erwarteten ein in höchstem Maße erhellendes Interview mit einem echten afrikanischen Prinzen. Ich durfte in der Mission über Nacht meine Zwölfvoltbatterie aufladen und überprüfte die Betriebsbereitschaft des Tonbandgerätes.

Der Morgen brachte Sonnenschein und eine Art Müsli zum Frühstück. Eine gute Seele hatte in der Nacht unsere verschmutzte Kleidung gewaschen und im Hinterhof zum Trocknen aufgehängt. In Erwartung des Prinzen und der kommenden Aufnahme holte ich einige Stühle für den Hofstaat, schraubte das Mikrofon auf ein Stativ und platzierte daneben die Geräte. Wir warteten gespannt auf das höfische Ereignis. Dann erschien einer der Missionare mit einem eher kleinwüchsigen Mann und stellte uns diesen als eben den Prinzen vor. Es wurde ein kurzes Gespräch. Er erzählte uns, dass er, verstreut im gesamten Gebiet von Dahomey einige Geschwister hat. Alles direkte Nachkommen des mächtigen Königs des Volkes der Dan, Aho. Er selbst sei Fahrer eines Lastwagens, der vom Hafen Cotonou Waren in den Norden des Landes, ja bis Niamey liefere. Das war es auch schon.

Die Missionare, die durch unsere Erzählungen die Anliegen des Unternehmens kannten, erzählten uns von einer weiteren Missionsstation in Sinendé, die Interessantes für uns bieten könnte. Spät am gleichen Tag fuhren wir los. Die Strecke war recht gut befahrbar, bis zu dem Moment, an dem sich ein unvorstellbares Gewitter über uns entlud. Bis sich das verzogen hatte, war finstere Nacht hereingebrochen, und wir beschlossen diese an Ort und Stelle zu verbringen. Logischerweise unter freiem Himmel. Was sich Minuten nach diesem Entschluss als Fehlentscheidung erwies. Da unsere Moskitonetze dem Übergewicht geopfert wurden, waren wir den Myriaden von Moskitos schutzlos ausgeliefert. Wir flüchteten in das Innere des IFA. Man stelle sich die Luft in einem Auto der unteren Mittelklasse, eine ganze Nacht von vier Männern und einem Äffchen besetzt, bei einer Außentemperatur von etwa dreißig Grad Celsius und geschlossenen Fenstern vor. Wir vertrieben uns die Zeit bis zum Morgengrauen mit Abwehren von geschätzten hundertfünfzig von draußen mitgebrachten Moskitos, die selbst Joko fast zum Wahnsinn brachten.

Unter schieben, graben und Brückenbauen kamen wir unserem Ziel näher. Die Zündkerzen wollten wieder einmal gereinigt werden. Bei diesem Halt erschienen zwei weißhäutige Damen wie Engel in einem riesigen Power-Wagon und brachten uns Tee in einer Thermoskanne. Sie hätten erfahren, dass eine Gruppe Europäer auf der Piste feststeckte, und waren sofort aufgebrochen uns zu suchen. Der Buschtelegraph schien vortrefflich zu funktionieren, obwohl weit und breit keine Menschenseele zu sehen war. Wir sagten ihnen, dass die Mission von Sinendé unser Ziel war. Die zwei netten Damen boten an, uns dorthin leiten, wir brauchten nur ihrem Wagen zu folgen. Einige Kilometer fuhren wir durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet, Bauern bearbeiteten ihre kleinen Felder, dann erreichten wir das Dorf.

Die Mission, das größte Haus am Platz, war aus rotbraunem Lehm gebaut und vermittelte einen gepflegten Eindruck. Es stellte sich heraus, dass die jungen Damen die gesuchten Missionare waren. Nach einem Aperitif wurden wir zum Essen eingeladen und waren heilfroh, nicht vegetarisch ernährt zu werden. Wir aßen gerne und ausgiebig, und das umso lieber, bei ausnehmend gebildeten und charmanten Gastgeberinnen. Voll Interesse hörten sie den Erzählungen zu, nur unseren Zugang zu den Fetischglauben vermochten sie nicht nachzuvollziehen. Sie wurden wahrhaftig zornig. Es stellte sich heraus, dass der hiesige Zauberer sie schikanierte und ihrer Arbeit alle erdenklichen Hindernisse in den Weg warf. Das wäre etwas für uns, und wir besprachen, dem Feticheur gemeinsam mit den Damen einen Besuch abzustatten. Wir waren vollzählig bei Tisch, bis auf Joko, der verschwunden war. Schani, kein großer Tierfreund, meinte zwar, der Affe würde schon wiederkommen, stieß damit aber bei den anderen, inklusive den Missionarinnen, auf Unverständnis. Nachdem er im Haus nicht zu finden war, schwärmten wir aus, um ihn zu suchen. Da ich wusste, dass Joko Märkte liebte, zog es mich dorthin. Und dort war der Ausreißer, umringt von Kindern, Halbwüchsigen und Erwachsenen produzierte er sich, zeigte Kunststücke, genoss den Applaus und kleine Happen, die man ihm reichte. Die Menschenmenge öffnete sich bei meinem Näherkommen, Joko sah mich, quietschte laut und sprang mir auf die Schulter. Aus schlechtem Gewissen zitternd klammerte er sich an meinen Hals und ließ ihn über den gesamten Weg bis zur Missionsstation nicht mehr aus. Fast gleichzeitig trafen alle Affensuchenden dort ein.

Wir schliefen die Nacht durch herrlich, geschützt unter Moskitonetzen. Nach dem Frühstück fuhren wir auf der Ladefläche des Wagens der Damen zum Zauberer. Der wohnte in einer Hütte, die sich von den anderen des Dorfes nicht unterschied. Ein missmutiger alter Mann saß davor. Beim Anblick der Konkurrenz wurde er passiv freundlich, vermittelte aber weiterhin einen grantigen Eindruck. Er war ein Feticheur, der im Krokodil den Meister der Fruchtbarkeit und des Lebens überhaupt sah. Dem Dorf nahe sollte es einen unterirdischen See geben, in dem ein bemerkenswert großes Exemplar dieser Exen lebte. Manche gaben ihm ein Alter von über dreihundert Jahren. Der Zauberer hatte die Pflicht, diesem lebenden Fabelwesen regelmäßig Opfer darzubringen, was er unter reger Beteiligung der Dorfbewohner zelebrierte. Wir hatten vor dabei zusehen, wie er das Krokodil an die Oberfläche lockt und füttert. Doch er blieb absolut unzugänglich und lehnte den Wunsch entschieden ab. Er war einer der wenigen Menschen, die wir uns nicht zum Freund machen konnten. Ohne Anwesenheit der Missionarinnen hätte er vermutlich zugestimmt. So wurde darüber beratschlagt, ob wir zu einem späteren Termin nochmals allein kommen sollten. Doch verwarfen wir dieses Vorhaben, weil im Süden des Landes einige konkrete Aufgaben auf uns warteten. Wir mussten unbedingt weiter.

Von Sinendé bohrte sich der Kombi durch den weichen Boden nach Westen. Unser Ziel war Savalou, das abseits der ausgebauten Nord-Südhauptverbindung lag. Auf der Michelin-Karte war diese Strecke zwar kürzer, aber als Nebenstraße eingezeichnet. Bei Kilometer vierzig ging dem IFA buchstäblich die Luft aus. Zwei Reifen waren zugleich platt. Wir hatten für die Schläuche Klebezeug mit. Um zu diesem zu gelangen, war es erforderlich, das Fahrzeug teilweise zu entladen. Ich fand die beiden Tuben Klebstoff, doch ihr Inhalt war in den Monaten seit Wien steinhart geworden. Mackie begab sich auf den Weg, einen solchen aufzutreiben, die Piste entlang. Er traf einen Jungen, der ihn angesichts des Vollbartes für einen Missionar hielt. Der Expeditionsleiter nützte seine neue Würde und sandte den Buben die vierzig Kilometer zurück zum Kommandanten von Sinendé. Der durfte Hilfe nicht verweigern, selbst wenn er uns gar nicht lieb hatte. Der Bote war flott unterwegs, er bewältigte die Marathonstrecke bis zum Abend. Es war schon finstere Nacht, da zeigten sich in der Ferne die Scheinwerfer eines herankommenden Autos. Das war der Materialwagen des Commandant cércle mit dem Jungen, der mit fürstlichen zehn CFA entlohnt wurde und damit in der Dunkelheit verschwand. Wir entnahmen dem reichhaltigen Werkzeug eine Tube Paragummi und schickten den Rest mit Dank zurück.

In der Umgebung hat sich unser Doppelpatschen schnell herumgesprochen, und autochthone Bewohner hielten um die Unglücksstätte eine Versammlung ab. Die Seelen der Reifen hatten wir frühmorgens luftdicht geflickt. Dieselben mit der Fußpumpe aufzublasen luden wir die Umstehenden der Reihe nach ein. Mit dem ihnen angeborenen Gefühl für Rhythmus pumpten sie die Reifen unter Lachen und Geschnatter bewundernswert schnell voll. Joko hatte im herumliegenden Gepäck den Rest Rossbacher Magenbitter in der Flasche entdeckt und das süße Getränk begeistert genossen. Dann raste er wie gesengt umher. Er wollte unbedingt alle Erreichbaren küssen. Doch seine gezielten Sprünge waren jedes Mal um ein Weniges zu kurz. Es wurde recht lustig im Auto, denn er sprang völlig unkontrolliert herum, wobei er regelmäßig umfiel. Den nächsten Tag über verhielt er sich auffällig still.

Am Straßenrand tauchten die ersten Mitglieder des Volkes der Somba auf. Herausragende Aufmerksamkeit erregten die Männer. Nicht nur, dass sie völlig nackt daherkamen, hatten sie für alles, was Europäer aus Gründen der Schicklichkeit zu verbergen trachten, wohlgeformte und weithin sichtbare Futterale. Deren Größe und Länge richtete sich dabei weniger nach den biologischen Notwendigkeiten, sondern zeugten von des Trägers Reichtum und Bedeutung. Diese Gebilde aus Holz oder Leder trugen sie mit Stolz. Auf dem von ihnen besiedelten Hochplateau haben Sie sich ihre Eigenständigkeit bewahrt, entgegen den Bemühungen der französischen Kolonialmacht und Missionaren aller Glaubensrichtungen. Sonst gab es kaum ein größeres afrikanisches Volk, das nicht in Hemd und Hose europäischen Zuschnitts gezwängt wurde.

Auf der Fahrt durch die Berge zogen Rinderherden an uns vorbei. Rinderzucht auf den höher gelegenen Weiden war hier möglich, gab es doch in diesem Klima keine Tsetsefliegen. Weil wir über diesen für Ethnologen interessanten Volksstamm schon beachtliches Material gesammelt hatten, führte uns der Weg durch das Land der Somba direkt bis Natitingou, einer anmutigen Kleinstadt. Beim dort stationierten Kommandanten trafen wir eine Gruppe deutscher Touristen. Darüber freute sich hauptsächlich Kopecky, unserem für Fremdsprachen untalentierten Fotografen, weil er mit ihnen einige Worte zu wechseln vermochte. Doch war wegen des verwilderten Aussehens der österreichischen Expeditionsteilnehmer ein gewisses Misstrauen uns gegenüber festzustellen. Für den tropengeeichten Commadant du cercle war so ein Outfit nichts Ungewohntes. Von seinen eigenen Jagdausflügen kannte er die Gegebenheiten im Busch und die Sitten der Eingeborenen seines Distrikts. Inmitten der Stadt traf man Männer der Somba, die in natürlicher Nacktheit, allein mit Penisfutteralen ausgerüstet, völlig ungeniert durch die belebten Straßen stolzierten.

Im vornehmen Hotel der Stadt hatte man für die Touristen ein „Tamtam“, eine Vorführung afrikanischer Folklore bestellt. Hierzu wurden Einwohner aus der nächsten Umgebung beordert, die gegen etwas Geld Tänze aus dem Urwald zeigten. Ohne Choreographie und Rücksichtnahme auf echte landesbezogene Volksmusik fabrizierten sie mit ihren Trommeln ungeheuren Lärm. Dazu tanzten und sprangen sie zwischen rosa gedeckten Frühstückstischen wild herum und beeindruckten damit die enthusiastisch fotografierenden und mit 8mm-Kameras filmenden Globetrotter. Das Trinkgeld fiel dem Augenschein nach reichlich aus, denn es gab Zugaben. Wir aber wünschten gute Unterhaltung und verließen den Ort schleunigst in Richtung Süden, die Stadt Savalou zum Ziel.

Eine ausgezeichnet gepflegte breite Piste ließ den IFA-Kombi anstandslos einige Kilometer fressen. Bis wir eines Nachts eine Abzweigung übersahen. Die Fahrspur wurde immer weniger, und als wir sie im hohen Elefantengras zeitweise überhaupt aus den Augen verloren, wurde es zur Gewissheit, wir haben uns verfahren! Eine erzwungene Pause wurde eingelegt. Das Auto war von der vorderen Stoßstange und den Rädern bis zur Kühlerhaube ein einziger Lehmklumpen. Die Nerven bis zum Zerreißen angespannt war die Stimmung unter den Expeditionsteilnehmern höchst aggressiv. Der ewig hungrige Kopecky rettete die Situation, indem er ein Baguette aufschnitt und genüsslich eine Konserve mit Sardinen öffnete. Ein versöhnliches Zeichen, das Frühstück einzunehmen. In Anbetracht der erbrachten physischen Leistungen, leisteten wir uns jeder eine Dose Ölsardinen. Behände schnappte sich Joko eine der eben geöffneten Konserven und verschwand unter Gekreisch damit hinter einem Busch. Niemand hatte Lust und die Energie dem Affen die Menschennahrung abzujagen.

An ein Zurückfahren auf der bisher bewältigten Strecke war nicht zu denken. Nachdem Joko ins Auto gefunden hatte, ging es nach dieser kurzen Ruhepause im Schritttempo weiter. Mit ölverschmierten Pfoten und fettigem Fell klammerte sich das Affentier voll des schlechten Gewissens an mich, was mir zusätzlich zu meinen natürlichen Ausdünstungen eine hauchzarte Note nach Fisch bescherte.

Da es zu gefährlich war, in der Nacht zu fahren, folgten wir der angedeuteten Fahrspur bei Tageslicht. Der IFA reagierte darauf mit ständiger Überhitzung, was bei der hohen Luftfeuchtigkeit und vierzig Grad im Schatten keineswegs verwunderlich war. Wir zollten dem VEB-Sachsenring höchstes Lob für die Qualität des Materials, welches das Auto nicht in kleine Stücke zerfallen ließ. Über Stellen, an denen sich Wasserläufe quer zum Weg Abflüsse gegraben hatten, bauten wir Brücken. Mit oftmaligem, kraftraubendem Schieben vermochten wir eine große Strecke zurückzulegen. Die Nächte wurden immer heißer, die Stechmücken unerträglicher. Die Tropen rückten näher. Da wir nicht mehr im Besitz von Moskitonetzen waren, verdoppelten wir die tägliche Ration an Resochin, in der Hoffnung, damit der Malaria zu entgehen. Egal wie erreichten wir abermals die Hauptpiste. In Savalou eingetroffen, glichen wir nicht mehr menschlichen Wesen. Weder optisch, noch olfaktorisch. Im Hof des Campements mit seinen sauberen, in weiß gehaltenen Mauern, ließen wir das Auto stehen, wie es war. Zimmer mieten, Klimaanlage abdrehen und in voller Adjustierung unter die Dusche stellen, war eins. Das Wasser aus dem Metallbehälter am Dach war durch die Sonne heiß aufgeheizt, aber dennoch erfrischend. Nach dem raschen Genuss einiger Flaschen Bier verzichteten wir auf essen, ebenso auf den Pflichtbesuch bei der Kommandantur, und begaben uns umgehend in die Doppelzimmer. Sorgfältig wurden die Moskitonetze auf kleinste Löcher geprüft und über uns geschlossen. Wir schliefen einen halben Tag und eine Nacht durch.

Savalou wäre an sich für unsere Arbeit wichtig gewesen, wenn wir nur mehr Zeit gehabt hätten. Aber sich aufzuhalten, bedeutete zu riskieren, dass in der Regenzeit der Schlamm grundloser geworden wäre. Wir besuchten dennoch den Kommandanten, der uns, nachdem er erfahren hatte, wozu wir hierher gekommen waren, bei geeistem Tee über die Region informierte. Savalou war das Zentrum eines der wesentlichsten Königreiche Dahomeys. Bis zum Jahr 1894, in dem Capitaine Horaz Pentel für das französische Expeditionschor einen Schutzvertrag mit dem damaligen König dieses Gebietes unterzeichnete. Von da an war das Reich ein Kanton und der Herrscher Chef de Canton. Ähnlich erging es in nämlicher Zeit dem im Süden gelegenen Königtum von Abomey. Darüber hinaus erzählte er von einer Spezialität der Gegend. Es gab im Land richtige Klöster, in welchen Fetischpriester ausgebildet wurden. Das durften wir uns nicht entgehen lassen.

An diesem Morgen regnete es auf der Weiterfahrt. Nicht zu heftig, aber doch so, dass unsere Fröhlichkeit darunter litt. Von einer Buschlandschaft war keine Rede mehr, denn die Baumgruppen waren schon vor Savalou enger zusammengerückt. Stellenweise fuhren wir durch herrlichsten Urwald, Bäume von ungewohnter Höhe mit dichtem Blätterdach säumten die Piste. Hitze und enorme Luftfeuchtigkeit erschwerten das Atmen. Nicht lange nach einem Dorf trafen wir auf eine Lichtung, in deren Mitte eine Art Vierkanthof stand. Eine über mannshohe Mauer schützte einen Platz, der von außen nicht einsehbar war. Gekrönt wurde sie von unheimlichen Symbolen aus Metall. Das waren Figuren auf kleinen Türmchen, die dieses Fetischkloster bewachten.

Wächter des Fetischklosters

Hinter dem Gebäude erhob sich ein steiler, zerklüfteter Berg, auf dem, wie wir später erfuhren, Geister zu Hause waren. Er sah aus, wie wenn man riesige Felsen auf einen Haufen geworfen hätte. Das Tor zum Kloster wurde von zwei großen Männern bewacht. Sie trugen weiße Boubous, das waren lange Gewänder mit kostbaren Stickmustern und vermittelten einen unnahbaren Eindruck. Mackie strebte da hinein, mich selbst drängte es, endlich wieder etwas anderes zu leisten, als ein Auto über Distanz zu bringen. Wir hatten für hier keine speziellen Empfehlungen, außer der mit Befürwortungsschreiben wissenschaftlicher Institute aus Österreich gefüllten Mappe. Die meisten davon in Deutsch gehalten. Mackie holte unter dem wallenden roten Bart seinen unwiderstehlichsten Charme heraus und marschierte forsch auf die Wächter zu. Was und in welcher Sprache er mit ihnen geredet hatte, war auf die Entfernung nicht zu erkennen. Gleichwohl öffnete einer der beiden das Tor und verschwand mit unserem Expeditionsleiter in den Hof. Die Türe wurde wieder zugezogen. Es verging etwa eine halbe Stunde, bis sich das Tor von Neuem auftat und Mackie beschwingten Schrittes und grinsend herauskam. Der Buschtelegraph hatte schon wieder bestens funktioniert. Zugegeben, mit einem leistungsstark motorisierten Geländewagen wären wir flotter unterwegs gewesen, aber keinesfalls so rasch, wie es Nachrichten in Afrika waren. Obwohl die Priester Bescheid wussten, waren sie dennoch misstrauisch. Mackie erzählte ihnen von unserer Arbeit und erwähnte so nebenher, dass wir die Geschichte ihrer Könige und deren über lange Zeit erfolgreichen kriegerischen Widerstand gegen die Kolonialtruppen kannten. Dank der endlosen Gespräche mit Dozent Hirschberg vom Institut für Völkerkunde der Universität Wien, konnte Mackie den Fetischeuren sein Wissen über Dahomeys Nationalhelden mitteilen. Das war nicht ungefährlich, denn die Franzosen hörten das naturgemäß nicht gerne. Wir durften das Innere des Klosters betreten, und die Opferfetische fotografieren.

Götter des Fetischklosters

So lud man uns ein, an einem kleinen religiösen Fest auf dem Berg der schwarzen Geister teilzunehmen. Es werde ein Opferfest zu Ehren des Prinzen Hinougan geben, der vor langer Zeit aus den unzähligen anderen Königssöhnen von Savalou eine machtvolle profane und spirituelle Kaste gründete. Da jeder König zahlreiche Frauen hatte, gab es adelige Kinder in großer Zahl, die, bis auf wenige Auserwählte, alle zu Statistenrollen verurteilt waren. Hinougan war der oberste Fetischpriester und ausschließlich er hatte die Berechtigung, Orakel zu werfen und zu lesen. Er erfuhr dieselbe Wertschätzung wie die Könige, die nach ihrem Tod auf den Geisterberg gebracht wurden. Dort zerschlug man ihre Knochen, nahm die größten aus dem Körper und was überblieb, wurde geräuchert. Man hängte das Übriggebliebene über eine Flamme und ließ es dort auf Kindergröße schrumpfen. Eine kleine wesentliche Verbrämung der Zeremonie bestand darin, dass man die guten Könige an den Händen aufhing, die schlechten aber an den Füßen. Sobald der Tote derart mumifiziert war und die vorgeschriebene Größe erreicht hatte, wurde er in einen kleinen Holzsarg gelegt. Man bestattete ihn in der Erde und grub nach Schluss der Zeremonien rund um das Grab labyrinthartige Gänge. Die Geister der toten Könige werden durch die verwirrten Wege daran gehindert, ihre Grabstätten zu verlassen. Man hatte große Angst vor ihnen und schob die meisten Unglücksfälle auf Königsgeister, die sich freimachten. An der Grabstelle des Hinougan waren die Feierlichkeiten geplant. Aber wir hätten eine Woche darauf warten müssen, was weder unseren Nerven, noch den Finanzen zuträglich gewesen wäre. Mit dem Versprechen wiederzukommen, verabschiedeten wir uns.

So lud man uns ein, an einem kleinen religiösen Fest auf dem Berg der schwarzen Geister teilzunehmen. Es werde ein Opferfest zu Ehren des Prinzen Hinougan geben, der vor langer Zeit aus den unzähligen anderen Königssöhnen von Savalou eine machtvolle profane und spirituelle Kaste gründete. Da jeder König zahlreiche Frauen hatte, gab es adelige Kinder in großer Zahl, die, bis auf wenige Auserwählte, alle zu Statistenrollen verurteilt waren. Hinougan war der oberste Fetischpriester und ausschließlich er hatte die Berechtigung, Orakel zu werfen und zu lesen. Er erfuhr dieselbe Wertschätzung wie die Könige, die nach ihrem Tod auf den Geisterberg gebracht wurden. Dort zerschlug man ihre Knochen, nahm die größten aus dem Körper und was überblieb, wurde geräuchert. Man hängte das Übriggebliebene über eine Flamme und ließ es dort auf Kindergröße schrumpfen. Eine kleine wesentliche Verbrämung der Zeremonie bestand darin, dass man die guten Könige an den Händen aufhing, die schlechten aber an den Füßen. Sobald der Tote derart mumifiziert war und die vorgeschriebene Größe erreicht hatte, wurde er in einen kleinen Holzsarg gelegt. Man bestattete ihn in der Erde und grub nach Schluss der Zeremonien rund um das Grab labyrinthartige Gänge. Die Geister der toten Könige werden durch die verwirrten Wege daran gehindert, ihre Grabstätten zu verlassen. Man hatte große Angst vor ihnen und schob die meisten Unglücksfälle auf Königsgeister, die sich freimachten. An der Grabstelle des Hinougan waren die Feierlichkeiten geplant. Aber wir hätten eine Woche darauf warten müssen, was weder unseren Nerven, noch den Finanzen zuträglich gewesen wäre. Mit dem Versprechen wiederzukommen, verabschiedeten wir uns.

Da es sich um Fruchtbarkeitsfetische handelte, hatten die Künstler sie mit unnatürlich großen Geschlechtsmerkmalen ausgestattet. Da waren sowohl Nachbildungen schlanker Menschenfiguren neben fast kugeligen, unförmigen Gebilden, denen man nur schwer ansah, was sie darstellen sollten. Diese Abbildungen schützten jede Familie vor Witterungseinflüssen. So wurden auf rohen, senkrecht in die Erde getriebenen Ästen Grasdächer über sie errichtet. Begüterte bauten kleine Häuschen um die Fetische. Und immer wieder wurde ihnen geopfert. Am Weg nach Abomey trafen wir viele dieser Opfer- bzw. Anbetungsstätten.

Hausfetische in Benin

Auf den vierhundert Kilometern gepflegter Piste, für deren Bewältigung nur eine Woche benötigt wurde, hörten wir immer wieder Sagenhaftes über Aho, dem König von Abomey. Das stachelte die langsam erlahmende wissenschaftliche Neugierde der Teilnehmer der Expedition nochmals an und vertrieb die aufkommende Reisemüdigkeit. Daran änderte auch nicht das durch Unachtsamkeit herbeigeführte Bersten der Heckscheibe des Kombis, die kurzerhand durch eine Decke ersetzt wurde.

F9 erschöpft, aber fahrbereit

Abomey empfing uns mit strahlend schönem Wetter. Wir hatten kurz vor der Stadt, die eher ein größeres Dorf war, angehalten, um uns ein wenig zu restaurieren. Schani hatte gestreikt. Er erklärte kategorisch, dass er sich in solch desolatem Aufzug nie im Leben zu einem Monarchen begeben wolle. Wir sahen es ein, so schauerlich verdreckt und zerlumpt, durfte man nicht zu einer Audienz. Dem Hof einen Besuch abzustatten, hat sich zur Pflicht ausgebildet. Die Erzählungen über den König Aho waren allgegenwärtig. Vor allem deswegen, weil es in Dahomey sicher nur wenige Menschen gab, die nicht adeligen Geblütes waren. Schließlich besaß der Herrscher einen bedeutenden Harem. Da nur der älteste Sohn ein Anrecht auf den Thron hatte, galten alle weiteren Nachkommen des Königs nicht mehr als jeder andere Untertan.

Vor dem Palast hielten wir, parkten an der Mauer und verließen in Gestalt blütenweiß gekleideter Beaus unseren zerschundenen, aber liebgewonnenen Metallhaufen. Der Königspalast war überwältigend romantisch. Das Gebäude erinnerte lebhaft an ein abgebranntes Dorfgasthaus. Ein Lehmbau, ohne Türen. Wir waren doch recht enttäuscht, obwohl bekannt war, dass der König seinen Titel ablegen musste, nachdem er den Schutzvertrag unterschrieben hatte. Frankreich hatte ihn zu einem Chef de Canton gemacht. Aber so einen Abstieg hatten wir nicht vermutet.

Wir betraten das Haus und wurden sofort von einem Pförtner gemeldet. Nicht etwa seiner Majestät, sondern dem Sekretär. Ein junger Schwarzer empfing uns und stellte sich als der älteste Prinz von Dahomey vor. Er würde einmal der Nachfolger seines Vaters werden. Sympathisch und äußerst liebenswürdig begrüßte er uns und nahm die Bitte um eine Audienz bei seiner Majestät freundlich auf. Er würde uns melden. Ein Gespräch im Moment sei sicher nicht möglich, doch wenn wir warten könnten? Keinesfalls ginge es am Vormittag. Wir waren sprachlos über die Etikette in diesem Saal, beschlossen aber, mangels einer anderen Option, ebenso freundlich zu akzeptieren. So trieben wir uns in der Umgebung des Palastes herum, besuchten den Kommandanten und erfuhren, dass es ein Museum hier gab. Mitten in der Besichtigung kam ein keuchender Boy angelaufen, der uns mitteilte, ihre Majestät wären jetzt bereit.

König Aho

In größeren Ortschaften waren wir gezwungen, Joko an die Leine zu nehmen, denn er plünderte, was nicht niet- und nagelfest war. Er stahl aus Liebe zur Sache, verwüstete die Beute und sah sich dann nach etwas anderem um. Dieses Mal aber zeterte er derart, dass wir beschlossen, ihn in Gottesnamen seine Verbeugung machen zu lassen. Der Prinz führte uns sofort durch das leicht verfallene Gebäude, und wir erreichten einen Hof, der uns schon den Atem nahm.

Hof des Königspalastes

Die Wände waren mit farbigen Reliefs geschmückt. Gegenüber lag erst der eigentliche Palast. Die Bogengänge, reich in der ursprünglichen Tradition der Afrikaner verziert, durchschritten wir rasch und hatten leider keine Zeit, die Kostbarkeiten zu betrachten. Durch zwei geräumige Hallen hindurch gelangten wir hinter dem Prinzen in das Gemach des Königs. Beim Eintritt fiel der Thronfolger vornüber auf den Bauch, schlängelte sich einige Meter weiter und meldete seinem Vater den Besuch. Der, ein netter älterer Herr, saß auf einem geschnitzten Thron. In erfreulich einwandfreiem Französisch forderte er uns zum Näherkommen auf. Er beteuerte, dass das Hofzeremoniell zwar vorschrieb, niemand dürfe sich dem König aufrecht annähern, wir aber von dieser Regel ausgenommen wären. Das alles sagte er fast lustig, mit Schalk in den Augen. Sein Gesicht strahlte, weil wir ihn mit Majestät ansprachen. Er schien offenkundig von der französischen Administration anderes gewöhnt zu sein. Nachdem er erfahren hatte, dass wir aus Österreich kamen, freute er sich erneut. Er hatte auf einer Tagung in Paris einige Regierungsmitglieder unseres Landes persönlich kennengelernt und war entzückt von ihnen.

Audienz beim König Aho

Vor dem Thron nahmen wir auf bestickten Matten Platz und es entspann sich ein faszinierendes Gespräch. Der König erzählte uns, dass er wahnsinnig an Ischias zu leiden habe. Wir versuchten alles, ihm eine Kur in Bad Gastein einzureden. Eingehend erkundigte er sich nach unserer Arbeit und langsam drehte sich das Thema. Der Fetischkult wurde berührt und es stellte sich heraus, dass seine Majestät AHO ein fanatischer Fetischanhänger war. Im Geisterglauben erzogen, hatte er nie im Traum daran gedacht, diesen abzulegen. Sein Bruder war der Hauptfetischeur, der größte Fetischpriester in seinem Land. In ihm hatte sich etwas verzerrt die HINOUGAN-Tradition fortgesetzt. Der König war begeistert von unserem Wissen über den Kult. Während des prächtig französisch gekochten Mahls, dessen mehrere Gänge wir auf der Matte hockend genossen, wurde er immer aufgeräumter. Wir lernten, dass seine Dynastie bis ins vierzehnte Jahrhundert zurückreichte, und waren begierig, etwas über die Geschichte des Reichs zu erfahren. Er sagte uns darauf, dass wir alles an den Reliefs im Hof ablesen könnten, die er uns später persönlich zeigen würde. Der Raum war angefüllt mit den prächtigsten Schnitzereien, die das Gebiet von Dahomey aufzuweisen hatte. An den Wänden hingen Schwerter.

Wir befragten ihn über diese Waffen. Der König lächelte bei seinen Erklärungen. Es waren Amazonenschwerter. Wir glaubten, nicht richtig verstanden zu haben. Doch, die Herrscher von Abomey hatten früher bis zu vierhundert Frauen – er selbst hätte nur mehr vierzig, meinte er bescheiden. Wenn Kriege ausbrachen, sei es gegen die Europäer oder die Yoruba im Norden, dann stellten diese Frauen eine physische Kapazität dar, die unmöglich brach liegengelassen werden durfte. Man beschloss, ihnen Waffen in die Händchen zu geben und sie im Kriegshandwerk zu schulen. Anfangs waren manche dagegen, weil doch die Frauen unbedingt an Gewicht verlieren, wenn sie aus dem beschaulichen Dasein im Harem gerissen würden. Das bedeutete eine Wertminderung des herrschenden Schönheitsideals. Aber das genaue Gegenteil trat ein. Die Damen gediehen bei der ungewohnten Tätigkeit prächtig. Es war wie ein Ausgleichssport fürs Kinderkriegen. Bald entwickelten sie sich zu gefürchteten Halsabschneiderinnen und das Reich konnte mit dieser Truppe zufrieden sein. In unzähligen Schlachten bewährte sich diese Frauenarmee. Sie waren ausgezeichnete Speer- und Einzelkämpferinnen im Busch. Unbarmherzig und grausam, todesverachtend und zäh. Bei keinem Krieg fehlten sie und kämpften in vorderster Linie. Sie waren stolz auf ihren Kriegerinnenstand und schufen sich ihre eigenen Kampfgesänge. Immer mehr traten ihre Frauenpflichten in den Hintergrund. Kampfspiele und kriegerische Ertüchtigung wurden zu ihrer Hauptbeschäftigung. Daraus resultierte, dass ihr Äußeres weibliche Züge verlor. Sie entwickelten sich zu Riesinnen mit stählernen Muskeln, die ihrem König so treu ergeben waren, wie keine andere Truppe.

Abordnung der 40 Königsfrauen

Das alles gehörte seit Jahrzehnten der Vergangenheit an. Doch die Kriegsgesänge, die Kampflieder der Amazonen haben sich erhalten. Sie werden heute genauso gesungen und Aho bot uns an, seine Frauen für uns singen zu lassen. Nach dem Essen, zum Kaffee, entwickelten sich Gespräche, die des Königs Bildung und Weltoffenheit bewiesen. Er hatte den Zweiten Weltkrieg in relativer Sicherheit von hier mitverfolgt. Sogar über die Rolle, die Österreich dabei spielte, hatte er eine eigene Meinung. In Dahomey selbst war der Krieg hauptsächlich dadurch bemerkbar, dass die Franzosen den Ausbau der Infrastruktur, wie breitere und neu errichtete Pisten und Straßen vorantrieben.

Gegen zwei Uhr erhob sich seine Majestät und erklärte, dass er uns rasch die Reliefs zeigen und erklären wolle, damit er dann zu seiner Mittagsruhe käme. Diese plastischen Wandbilder stellten nicht etwa eine fortlaufende Geschichte des Hauses dar, sondern einzelne Ausschnitte und Begebenheiten sowie symbolhafte Figuren. Vor einem Bild verharrte der König länger. Es zeigte den Kopf eines schwarzen Mannes, der anscheinend einen hohen spitzen Hut trug. In Wirklichkeit verhielt sich die Geschichte aber so: Einmal hatte ein prahlerischer Krieger der Yoruba überall ausposaunt, dass er den König von Abomey fangen wolle. Und er hatte geschildert, was er mit dem Gefangenen anfangen werde. Zuerst einmal den Kopf abschlagen. Dann werde dieser in einen Hirsemörser gelegt und zu Brei zerstampft. Der König erfuhr von den Prahlereien dieses Yoruba. Majestät waren empört und sandte Krieger aus, besagten Mann lebendig vor den Thron zu führen. Wochen später war der Auftrag erfüllt. Der König sprach ein salomonisches Urteil: „Wie du mir, so ich dir.“ Man zerstieß seinen Kopf in einem Mörser, ohne ihn vorher abgeschlagen zu haben. Der spitze Hut auf dem Relief stellte den Hirsestößel dar. Aber nicht alles, was die Palastmauern schmückte, war so blutrünstig. Da waren die schönsten Symbolfiguren. Es gab ein Bild, das ohne Zweifel einen Büffel darstellte. Unerklärlicherweise aber hatte dieses Tier ein rotes Beinkleid an. Der König erklärte das so: Es ist genauso unmöglich, einem Büffel eine Hose auszuziehen, wie den Herrscher seiner Macht und Würde zu entkleiden.

Reliefs im Königspalast

Die Einladung des Königs für den Abend haben wir gerne angenommen. Joko schien sich ebenso darüber zu freuen, er merkte offenbar die majestätische Zuneigung. Die Leckerbissen und die Ration Rotwein, die ihm zu Mittag freundlich zugeteilt wurden, hatten ihre Wirkung getan. Ich schleppte Tongerät, Kabel und Mikrofon vom Auto in den Palast. AHO kam uns erfreut bis an die Tür entgegen. Dieses Abendessen fand nicht im Audienzsaal, sondern in einem etwas kleinerem Raum statt. Hier standen Stühle um einen makellos gedeckten Tisch. Wir waren erfreulicherweise nicht mehr wie zu Mittag gezwungen, uns auf die Erde niederzulassen. Ein Requisit, das der Europäer am meisten im Busch vermisst, ist ein Stuhl. Von AHO war es eine Geste größter Liebenswürdigkeit, dass er an diese Sitzgelegenheiten gedacht hatte.

Es gab gebratenen Hammel, den man sicher viele Stunden neben den Flammen am Spieß gedreht hatte, so zart und gar waren die Stücke. Dazu Salat und Weißbrot. Rotwein stand in großen Karaffen überall, wohin man blickte. Im Laufe des Essens befragte Mackie den König über die Gebräuche des Fetischkults in seinem Reich. Zum Aufwärmen gab er mit unseren im Niger erworbenen diesbezüglichen Erkenntnissen schrecklich an. AHO lud uns daraufhin ein, für ein halbes Jahr seine Gäste zu sein. Ein Haus wolle er für uns bauen lassen, darin sollte es an nichts mangeln. Schweren Herzens schlugen wir das Angebot aus, denn die Zeit drängte. Aber wir versprachen, im nächsten Jahr wiederzukommen. AHO war erkennbar traurig. Er hatte uns ins Herz geschlossen und wollte wenigstens unsere Namen und Adressen haben. Schallend klatschte er in die Hände. Augenblicklich erschien sein Sohn auf dem Bauch, empfing eine Order, robbte hinaus und kam auf dieselbe Art wieder herein. Er brachte einen Notizblock und einen Bleistift mit.

Wir wurden gebeten, ihm unsere Adressen zu diktieren. Der Prinz aber zeigte vor uns einen derartigen Respekt, dass wir ihm die Angaben auf etliche Meter zuzurufen hatten. Das Buchstabieren über die Entfernung war mühsam, so klärte Schani die Situation, indem er freundlich bat: “Wollten Eure Hoheit nicht ein wenig näher rutschen?“ (Ein Satz, den wir bis zu unserer endgültigen Heimkehr oft als erheiternden running gag gebrauchten.) Seine Prinzenhoheit schlich heran und wir nahmen die Eintragungen selber vor. Unterdessen gab König Aho einige Befehle, die wir nicht verstanden. Kaum war der Prinz verschwunden, öffnete sich der Türvorhang und etwas verschämt zögernd, erschienen die 40 Schönen des Palastes. Auf einen Wink AHO’s platzierten sie sich hinter seinem Sessel.

Kniefall der Königsfrauen

Eiligst bereitete ich die technischen Voraussetzungen für die Aufnahme vor. Zwar gab es im Palast elektrischen Strom in geeigneter Spannung, der schwankte aber so stark, dass ein Gleichlauf des Tonbandes nicht mehr gegeben war. Ich holte Umformer und Batterie aus dem Auto, wobei Kopezky mir schleppen half. Er verstand ohnehin kein Wort von dem, was gesprochen wurde. König AHO hatte das Fehlen von Joko während des Essens bemerkt. Wir holten ihn bei der Gelegenheit herein. Sein erstes Werk war die Vernichtung einer Rotweinkaraffe, in dessen am Boden verschütteten Inhalt er ausgiebig plantschte. Das war uns peinlich, aber der König lachte herzlich darüber. Joko wurde mit Kopezky in einen Nebenraum verbannt, denn die Darbietungen der Amazonen begannen.

Singende Königsfrauen

Es waren teils blutrünstige Texte, wie man uns später übersetzte. Feinde wurden gequält oder getötet, Heldinnen verherrlicht und zu Krieg und Kampf aufgeputscht. AHO war stolz auf seinen Harem. Wenn es seine Finanzen erlaubt hätten, dann wäre er sicher auf die vierhundert Gattinnen seiner Vorfahren gekommen. Aber die Zeiten waren schwer für einen König von Frankreichs Gnaden. Und offiziell war er es nicht einmal, sondern Chef de canton.

Wie es am Hofe weitergeht folgt im nächsten Kapitel 23.

Fotos alle Rechte: H. M. Prasch, Ton: herbert M. Prasch

Verwertungsrechte Tonaufnahme: Phonogrammarchiv der Akademie der WissenschaftenT

23. KAPITEL – Abschied – König Aho – und Heimfahrt

Obwohl es nicht spät ist, bricht die Dunkelheit schnell herein. Die außerordentliche Hitze dieses Tages bleibt verebbend eine Zeit lang spürbar. Angenehm ist die Nähe der Touaregfamilie, sie wirkt beschützend und entspannend. Niemals vorher hatte ich das Gefühl, den Schutz einer Gruppe Touareg zu benötigen. Das fördert die Lust am Reflektieren, und ich überlege mir den Schluss des ersten Buches und die Schilderung der folgenden Jahre meiner Tätigkeiten in Afrika, Europa, Peru und wieder zurück nach Europa. Jeweils die primären Eindrücke prägen sich am stärksten ein. Glasklar liegen die ersten Forschungsreisen in Afrika und die dabei gewonnenen Erfahrungen aus den Jahren 1954 bis – 63 vor mir. Wobei die Grenzen zwischen der zweiten und dritten Expedition schon recht unscharf geworden sind. Faszinierend finde ich die großen Unterschiede in den Kulten Afrikas, die zu entdecken waren und teilweise von uns dokumentiert werden konnten. Doch die rasante politische Entwicklung seit 1960, das Jahr, in dem die Kolonialmächte sich offiziell aus Afrika zurückzuziehen begannen, hatten sie marginalisiert. Vor allem die jeweiligen religiösen Traditionen wurden entweder kommerzialisiert, wie Voodoo, oder zogen sich in schwer erreichbare Gegenden zurück. Woran zu gutem Teil der radikale Islamismus mit seinen salafistischen Idealen Schuld trägt. Durch viele Jahrzehnte eroberte friedlicher Islam große Gebiete Afrikas. Er lebte gleichberechtigt neben uralten afrikanischen Kulten, sowie importierten oder autochthonen Religionen.

Es wird kühl, und ich ziehe mich in meinen wärmenden Schlafsack zurück. Die politischen Einflussnahmen, vornehmlich durch streng islamische Länder, vermindern das Gefühl relativer Sicherheit in den Jahren meiner ersten Expeditionen. Das Vorgehen Chinas zur Wahrung seiner wirtschaftlichen Interessen lässt Vergleiche mit den kolonialistischen Bestrebungen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts ohne weiteres zu. Mit dem Unterschied, dass Investitionen, vor allem in die Infrastruktur der Länder, ausschließlich populistischen Zwecken dienen. Ich darf mich glücklich schätzen, meinen Aufenthalt in einem durch seine Abgelegenheit sicherem Gebiet gewählt zu haben. Obwohl es ohne Zweifel anderswo in Afrika ebenso geschützte Möglichkeiten gibt, die Qualität der Sahara ist kaum zu ersetzen. Erschöpft von den heutigen Erlebnissen werden die Gedanken langsamer und undeutlicher, bis mich erholsamer Schlaf überfällt. Im Abtauchen nehme ich den Mond wahr, der sich, für diese Gegend ein ungewöhnlicher Anblick, einen großen Hof zugelegt hat.

Das Gefühl, beobachtet zu werden, wirkt wie ein Weckruf. In respektvoller Entfernung stehend, sehen mich Dayak Aïscha und seine Tochter an. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob sie miteinander verwandt sind, aber es wäre so passend. Wie sie bemerken, dass ich die Augen öffne, kommen beide näher. Sie fragt mich, wie es mir geht und ob etwas benötigt würde. Ich schlüpfe aus dem Schlafsack, begrüße die Besucher und verneine die Frage. Wir wechseln einige belanglose Worte über den seltsamen Mond heute Nacht. Die Familie wird jetzt weiterreisen, sie könnten aber zwei Männer zurücklassen, um mir behilflich zu sein. Ein Angebot, das ich dankend ablehne. Im Hintergrund bewegen sich Menschen und Tiere, die Zelte sind längst abgebaut, mit den Holzstangen auf die Kamele geladen. Was haben sie mit den Wüstenschiffen angestellt, womit man die beim Beladen dazu bringt, nicht gurgelnd zu brüllen. Diese Geräusche hätten mich unweigerlich geweckt. Meine Verlegenheit ist groß, weil ich habe nichts bei mir, was ein würdiges Abschiedsgeschenk für die Lebensretter wäre. Schnell räume ich die Lebensmittel aus der Aluminiumkiste in den Rover und stelle diese mit der Bemerkung vor ihre Füße, dass dies ein Andenken sei. Vermutlich habe ich damit ins Schwarze getroffen, denn nach einigen Abschiedsfloskeln eilten sie in ihren wallenden Gewändern mit der Kiste zur Karawane zurück. Ich nehme an, sie werden darin den für sie wichtigen Kamelmist transportieren.

Die letzten Nachzügler verschwinden hinter dem Horizont, die absolute Stille der Sahara lässt alle Aufregung vergessen. Wegen einer juckenden Stelle an der Stirne betrachte ich mich im Rückspiegel des Landrover. Ein Greis schaut mir aus dem Glas entgegen. Haar und Bart wirken auf der von der Sonne hoch geröteten Haut schneeweiß, die Falten darin haben sich in der Nacht vertieft und zerklüften scharfkantig mein Gesicht. Es gleicht dem eines lebenslang von Witterungen gegerbten, weit über hundert Jahre alt gewordenen Targi. Verstärkt wird der Eindruck biblischen Alters durch den darauf klebenden Wüstensand. Ich begehe ein Sakrileg, indem ich mir mit kaltem Wasser aus der Gerba den Sand von der verbrannten Haut wasche. Ein neuerlicher Blick in den Spiegel zeigt eine leichte Verjüngung des Aussehens. Trotzdem beschließe ich, den heutigen Tag in aller Ruhe anzugehen. Das Feldbett ist recht gut zum Sitzen geeignet, das nütze ich jetzt aus und nehme dort das Frühstück zu mir. Etwas Wind kommt in kleinen Böen auf. Sie sind kurz und weich, aber in deutlichem Gegensatz zur Stille der Umgebung an den Ohren richtig laut. Die Bemerkung des zukünftigen Amenokal, dem gewählten Oberhaupt aller Touareg, den merkwürdigen Mond betreffend, beschäftigt mich. Es gibt eine Weissagung, dass wenn so etwas geschieht, dann sind sich die Mächtigen der Welt uneins und kämpfen gegeneinander. Ähnliches habe ich früher im Sudan über das Erscheinen eines Hofes um den Mond gehört.

Trotz leichten Unwohlseins beschließe ich, doch bis zum „Grand Erg“ zu fahren. Nach ein paar Kilometern schneller Fahrt steigt Unlust in mir hoch, außerdem erfasst mich ein Gefühl der Schwäche. In einem großen Bogen drehe ich in der scheinbar endlosen Weite der Hamada den Kühler des Rover auf Süd-Ost. Der Motor brummt brav und gleichmäßig. Da es keine Vorratskiste mehr gibt, haben sich ein paar Konservendosen auf der Ladefläche selbständig gemacht. Ihr geräuschvolles Hin- und herrollen nervt ordentlich, doch deshalb stehen bleiben kommt nicht infrage. Ich will nach Hause in die Auberge. In nicht zu weiter Entfernung taucht eine Gruppe Gazellen auf. Das könnte ein nettes Mitbringsel für Michelle und François ergeben. Leider äsen sie aber rechts von meiner Fahrtrichtung in der Sonne, sodass ich nicht in ihre Nähe gelange. Sie flüchten weit außerhalb einer sicheren Schussentfernung. Es gibt morgen früh in der Dämmerung noch eine Chance. So schlage ich in einem mit wenigen Büschen bewachsenen Gebiet das Nachtlager auf. Ich bestreiche ein inzwischen beinhart gewordenes Stück Baguette mit dem Inhalt einer der herumrollenden Dosen Paté. Damit das Essen besser rutscht, trinke ich dazu eine halbe Flasche extrem erwärmten Rotwein. Der Schlafsack lockt. Neben dem effizienten Schutz vor nächtlicher Kälte vermittelt er dem Schlafenden trügerische Sicherheit kindlichen Geborgenseins.

Der Gedanke, mit einer frisch erlegten Gazelle meinen Wirtsleuten Freude bereiten zu können, hat voll Besitz von mir ergriffen. Die erste Dämmerung lässt mich hochfahren und hellwach packe ich schnell zusammen. Leider erweist sich die Gegend, in der ich die Nacht verbrachte, zum Jagen absolut unergiebig. Ungeordnet werfe ich die Schlafsachen ins Auto und fahre sofort los. Da meine Rückreiseroute anders liegt, als die der Anreise, wende ich den Rover direkt nach Osten. Das funktioniert problemlos, denn in der flachen Hamada benötigt man zu dieser Jahreszeit keine vorgezeichneten Pisten. Solch bedenkenloses Herumkurven in unendlicher Einsamkeit lässt lang vermisstes Gefühl von Freiheit hochkommen. Ich erinnere mich an die frühere Durchquerung einer leichten, zart begrünten Senke, in der ich eine Anzahl Gazellen nebst Antilopen gesehen hatte. Dorthin will ich. Nach kurzer, schneller Fahrt liegt diese paradiesische Tiefebene vor mir. Die Sonne steigt über den Horizont. Aber leider komme ich von der falschen Seite, denn bei Jagden hat mich die Erfahrung gelehrt, man soll das Tagesgestirn möglichst hinter sich haben. In respektvoller Entfernung von den scheuen Tieren umrunde ich diese. Nur einige von ihnen äugen ohne Reaktionen zu mir herüber. Solange ich fahre, besteht aus ihrer Sicht keine Gefahr für sie. Die Fenster des Fahrzeugs sind alle geöffnet, kühler Luftzug lässt Kopfhaar und Hemd flattern. Der Drilling liegt, provisorisch vor einem Sturz gesichert, griffbereit am Beifahrersitz. Endlich habe ich die Sonne exakt im Rücken und das Anpirschen im Auto kann beginnen. Spätestens jetzt stellen sich ehrlichen Jägern, die europäischen Jagdgesetzen und deren Ethik unterworfen sind, die Haare zu Berge. Doch in Afrika herrschen andere Gesetze. Hier geht es nicht um Trophäen, sondern um Nahrungsbeschaffung. Außerdem würde es Tage brauchen, um sich dem Wild zu Fuß auf erfolgversprechende Schussentfernung anzunähern.

Es folgt Routine. Äußerst vorsichtig an die Gruppe Gazellen heranfahren, das Auto in Schussposition stellen, derweilen sich trotz weit überhöhter Pulsfrequenz nur in Zeitlupe bewegen. Dabei wird einem nicht bewusst, dass man zu atmen aufgehört hat. Das Zielfernrohr hat den ausgewählten Bock längst erfasst, der Finger liegt am Druckpunkt des Abzugs ……, das langsam dahinrollende Fahrzeug ruckelt zweimal und bewegt sich nicht mehr. Der Benzintank ist leer. Verwundert, aber keineswegs alarmiert spannen ein paar Prachtexemplare mit aufgestellten Lauschern zu mir herüber, um dann gemütlich weiter zu äsen. Die Benzinkanister zu erreichen, bleibt nur übrig auszusteigen. Gerade einmal die Wagentür geöffnet, flüchtet die Herde. Wie zum Hohn bleiben die Tiere nach wenigen Metern erwartungsvoll stehen und beäugen mich voll Interesse. Kaum setze ich einen Fuß auf den Wüstenboden, jagen sie mit gewaltigen Sprüngen in die Weite der Sahara. Über diese verpasste Gelegenheit bin ich schwer verärgert und enttäuscht. Nach dem Tanken und mehreren Startversuchen geht es wieder Richtung Süden. Ich schiebe die Schuld an meinem Versagen dem durch die Sonne verursachten körperlichen Zustand, der Firma Landrover – weil sie keine größeren Tanks in ihre Autos einbauen – dem minderwertigen Benzin, den Schutzengeln und der Erziehung durch meine Eltern bis hin zu den Lehrern der Volksschulzeit zu.

Etwas Trauer umfängt mich, ich möchte noch einmal in die Schönheit der Wüste eintauchen. Ich hole mir eine Kleinigkeit zu essen, die halb geleerte Flasche Rotwein und nehme damit, die Beine baumeln lassend, auf der Ladefläche des Autos Platz. Ohne Mühe wandeln sich Ärger und Trübsal in Glücksgefühle. Ich lasse die absolute Stille und unendliche Weite auf meine Seele wirken. Die Ewigkeit dürfte jetzt beginnen, und ich wäre damit zufrieden. In dieser gehobenen Stimmung setze ich die Reise fort. Spuren anderer Fahrzeuge kreuzen meinen Weg oder laufen parallel dazu. Die schmale Piste wird durch unregelmäßig gesetzte, sie begrenzende Steinhäufchen erkennbar. Bis zum Abend wird die Strecke zur Auberge geschafft sein. Ich bin kürzer als geplant unterwegs, irgendein unbestimmtes Gefühl drängt mich zu vorzeitiger Rückkehr.

Offensichtlich habe ich zu lange beglückt in die Wüste gestarrt, denn ohne Überleitung bricht die Dunkelheit herein. Die Häufchen aus Steinen, welche Menschen vorsorglich am Rande der Piste aufgebaut haben, zeigen den Verlauf der Strecke an. Im Licht der Scheinwerfer erreiche ich endlich das breite Band der Wellblechpiste, die nahe an der Auberge vorbeiführt. Der leistungsstarke Motor des Landrover lässt ein zügiges Tempo zu. Bald sehe ich am Horizont Lichtschein. Der kann nur von der Beleuchtung des Hauses der Mouloudjis sein. Kurz vor der Abzweigung in den Weg zum Ziel queren drei Gazellen gemütlich die Straße. Ich fühle mich verhöhnt. Hier, in dieser Gegend, dürften gar keine sein. Man hat im Haus mein Kommen schon längst gehört und gesehen. Wie von Geisterhand öffnet sich das Tor der Einfahrt, François winkt freundlich, was mir ein Gefühl des Geborgenseins in einer Familie gibt. Im weiträumigen Hof parkt ein grau lackierter Toyota, ein Auto der algerischen Polizei. Die Anwesenheit solcher Beamten, weit entfernt jeder Zivilisation, löst stets Unbehagen aus. Ich stelle den Motor ab, lösche das Licht und steige aus. François schließt das Tor und kommt schnellen Schrittes herbei. Nach der herzlichen Begrüßung sagt er mir mit einer Wendung seines Kopfes Richtung Toyota, die wären meinetwegen hier. Sie sind schon gestern frühmorgens aufgetaucht und wollten unbedingt auf mich warten. Damit erklärt sich ebenfalls der nicht gewöhnliche Aufwand an Licht im und um das Haus. Merde, denke ich, was haben die vor, weil sie sogar Tage von ihrer Zeit opfern?

Obwohl keiner Schuld bewusst, betrete ich mit mulmigem Gefühl die Gaststube. Da sitzen, Kaffeetassen vor sich, alte Bekannte. Es sind drei der Polizisten, die vor einigen Wochen hier waren. Sie sind diesmal erstaunlich freundlich, der Anführer steht auf und reicht mir die Hand. Der Offizier trägt eine adrette Uniform, ein Überbleibsel aus der französischen Zeit Algeriens. Es gab Überfälle in seinem Distrikt, meint er, weshalb er mit mir reden muss. Michelle umarmt mich kurz, aber demonstrativ. Angewandter Mutterinstinkt: „Tue ihm nichts, sonst bekommst du es mit mir zu tun“. Der Polizeioffizier und ich setzen uns an einen Tisch. Er bekommt eine Tasse Kaffee hingestellt, die Wirtin bringt mir augenzwinkernd einen Whisky mit Eis. Wo ich die letzten Tage gewesen sei und ob meine Waffe noch da wäre, fragt der Polizist. Ich bitte Françoise, das Gewehr aus dem Landrover zu holen. Während dem erzähle ich dem Algerier, etwas ausgeschmückt, das Abenteuer der vergangenen Tage. Wichtigtuerisch betrachtet er die Waffe, vergewissert sich, indem er sie aufklappt, dass sie ungeladen ist. Zufrieden mit den Ergebnissen seiner Inspektion gibt er sie mir wieder zurück. Ich danke meinem Schutzengel für das Pech bei der Gazellenjagd. Wäre ich mit Beute heimgekommen, hätte das peinlich werden können. Algerien hat verschiedene Gebiete zu Reservaten erklärt, bei denen man nicht so genau erkennt, wo deren Grenzen sind. Der deutlich edel bemessene Whisky wirkt, die Augen brennen vor Müdigkeit. Beruhigt über den Ausgang des Gesprächs verabschiede ich mich allgemein und strebe meinem Turmgemach entgegen. Oben angekommen versperre ich vorsorglich die Türe, stelle das Gewehr in die Ecke. Angezogen aufs Bett fallen und daraufhin sofort einschlafen ist eins.

Durch arabische Laute, die vom unteren Stockwerk herauf klingen, werde ich geweckt. Geräuschvoll fährt das Polizeiauto ab. Jetzt duschen und frühstücken. Das Wasser ist so kalt von der Nacht, dass ich beschließe, mich nur notdürftig zu waschen. Mit frischer Kleidung am provisorisch gewaschenen Körper steige ich in die Gaststube hinunter. Der Frühstücksplatz ist wie gewohnt hergerichtet. Ich rücke hörbar den Stuhl zurecht. Aus der Küche klingen klappernde Geräusche sowie Michelle, die fragend meinen Namen ruft. Dank ihrer arabischen Abstammung, kann sie den Anfangsbuchstaben „H“, von Herbert aussprechen, was bei François, dem gebürtigen Franzosen, stets wie „ärbär“ klingt. Ich antworte mit einem gerufenen oui und Guten Morgen. Sie erscheint mit einem voll beladenen Tablett. Obwohl ich kein großer Frühstücker bin, freue ich mich diesmal darauf. Das scheint die Gute erraten zu haben, denn es ist üppig, was sie mir da auf den Tisch stellt. Sie schenkt den Tee in die Tasse und meint dabei: ils font la guerre en Europe. Ja, sie sagt es tatsächlich so: Sie machen Krieg in Europa! Da diese Idee derart absurd ist, denke ich kurz an einen Scherz, oder will sie mir damit andeuten, dass ich doch lieber hier in der Wüste bleiben soll? Sie bestätigt es aber nochmals und erzählt mir Details. Jetzt erklärt sich der unvorhergesehene Besuch der Polizei. Die angeblichen Überfälle waren nur ein Vorwand. Ich kann und mag es nicht glauben, dass es im einundzwanzigsten Jahrhundert zivilisierte Menschen gibt, die einen dritten Weltkrieg herauf beschwören. Dessen ungeachtet steht mein Entschluss fest, mich nach dem opulenten Frühstück konzentriert dem Schreiben zu widmen„.

An diesem Abend frage ich um die Erlaubnis, mit fernsehen zu dürfen. Ich betrete den Raum, in dem sich das Fernsehgerät befindet. Da stehen zwei Sessel, fast unverrückbar schwer aus massivem Holz gefertigt. Man findet diese gleich aussehenden, mit weichen Polstern ausgelegten Möbelstücke überall in Afrika. Die breiten Armlehnen wären ideal zum Abstellen von Gläsern geeignet, wenn sie nicht schräg nach hinten zur Lehne steil abfielen. Die Szene ist gespenstisch. Ich sitze, bequem angelehnt, in der Hand ein Glas mit Pastis, worin die frischen Eiswürfel knackend in Stücke springen. Ein Ambiente des Wohlfühlens, während Fernsehbilder das Furchtbare zeigen, in Europa herrscht Krieg. Kaum mehr als siebenhundert Kilometer von Wien entfernt, das ist in etwa die Fahrtstrecke nach Berlin, bringen Menschen auf Geheiß von Politikern Menschen zu Tausenden um. Jeden Abend treffen wir uns zu den Nachrichten. Täglich zeigen die Bilder brutale Zerstörungen, Leid und Gewalt. Stunden- und tagelang in moderigen Kellern ausharren, am näherkommenden Geräusch der explodierenden Bomben die Entfernung abschätzen. Ich habe es selbst erlebt. Es war qualvoll, bei Treffern in der Nachbarschaft im flackernden Licht der nackten Glühbirne den durch die undichten Türen eindringenden Staub einzuatmen. Das alles ist in Europa wieder eingekehrt. Von den Leuten einer Generation verursacht, die das Glück hatten, in eine siebenundsiebzig Jahre dauernde Zeit des Wohlstands durch prosperierende Wirtschaft geboren worden zu sein. Sie lebten in dem Luxus, den ihre Eltern oder Großeltern aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs geschaffen haben. Ähnlich wie die Covid-Pandemie erschüttert dieser Krieg alle Länder dieser Erde und wir sehen voraussichtlich großen globalen Veränderungen entgegen.

Diese Gedanken beschäftigen mich so ausschließlich, dass ein konzentriertes Weiterschreiben nicht mehr möglich scheint. Binnen Stunden fällt mein Entschluss, hier abzubrechen und nach Hause zu fahren. Der fehlende Schluss des ersten Teiles der Zeitgeister kann daheim geschrieben werden. Ich setze ihn umgehend in die Tat um. Der Abschied von Michelle und François gestaltet sich etwas sentimental, doch der Hinweis auf die Länge der zurückzulegenden Strecke, lässt weitere Peinlichkeiten nicht aufkommen. Die Fahrt wird zehn Tage dauern und ich verspreche, mich sofort nach meiner Ankunft in Wien zu melden.

Sahara
Sahara Dünen

König Aho, Herrscher über das Volk der Fon in Dahomey, blickte nach den gesanglichen Darbietungen eines Teiles seines Harems, stolz in die Runde. Wir kannten uns nicht so recht aus, ob Applaus angebracht wäre. Doch Mackie rettete die Situation, indem er sich mit höflichen Worten bedankte. Es war erstaunlich, dass Aho, dieser weitgereiste Mann, der alles über Europa und die Welt wusste, der die etwas veralteten Zeitungen las, sobald sie hier in Abomey eintrafen, dass er inbrünstig an Geister glaubte. Knapp vor Mitternacht erhob sich Aho abrupt. Er werde jetzt zu seinem Bruder, dem berühmtesten Fetischpriester des Landes fahren. Der würde in ein paar Stunden DAN, die große Regenbogenschlange befragen, wann sie zu essen gedenkt, somit Opfer annimmt. Ob wir mitkommen wollen? Spontan stimmten wir zu. Ich hatte Sorgen, denn der Akkumulator war durch die vergangenen Aufnahmen fast leer geworden. Standesgemäß besaß der König einen blitzsauberen Peugeot 403. Er wartete, bis wir unser Gefährt beladen und bestiegen hatten. Aho fuhr nicht selbst, aber ließ seinen Fahrer forsches Tempo halten. Damit wir den Vordermann nicht verloren, forderte ich den IFA bis zum Letzten. Mehrmals musste der König warten, bis wir ihn einholten. Irgendwann einmal waren seine Hecklichter nicht mehr zu sehen. Im Lichte der völlig verstellten Scheinwerfer tastete ich mich weiter, bis wir das Staatsgefährt wieder sahen. Oft stellten sich uns nachtaktive Tiere in den Weg, die zu umfahren mir knapp gelang. Bei einer Abzweigung hatte er gewartet, fuhr aber sofort los, als unsere Lichter für ihn zu sehen waren. Glücklicherweise fanden wir in der Dunkelheit die richtige Weggabelung.

Auf einer Lichtung vor uns brannten die Feuer eines kleinen Dorfes. Dort stand der Wagen des Königs. Er war umgeben von einer großen Menschenmenge, die sich bei unserem Näherkommen teilte. Aho hatte im Auto auf uns gewartet. Sein Sinn für dramatische Effekte war recht ausgeprägt, denn er wollte uns das Schauspiel seines Aussteigens bieten. Der Wagenschlag öffnete sich und wir hörten ein gewaltiges Rauschen. Es waren die Boubous der Umstehenden. Wie von einem Orkan hingestreckt, fielen hunderte Menschen im Umkreis in sich zusammen. Das ergab eine gespenstische Szene. Der Herrscher stand aufrecht inmitten dieser sich auf dem Boden windenden Masse. Niemand erhob sich. Ein Mann, geschätzte vierzig Jahre alt, kroch durch die Liegenden auf den König zu. Er erweckte einen muskulösen und gedrungenen Eindruck. Es war der Bruder Ahos, der große Medizinmann. Kniend küsste er dem Herrscher die Hand. Es schien aber Unstimmigkeiten zu geben. Es gab Rede und Widerrede, bis Aho’s Stimme lauter wurde. Seine Worte klangen wie ein Befehl. Er wandte sich uns zu und berichtete kurz, dass wir jetzt die Erlaubnis hätten, am Fest teilzunehmen. Hier war er König. Der große allmächtige Herrscher, dessen Wille für alle Gesetz war. Unvorstellbar, dass er in Abomey in seinen Palast Hof hielt, aber jeder französische Beamte durfte ihm diktieren, was erlaubt sei. Seit Jahrzehnten bemühte sich die Kolonialmacht Frankreich vergeblich, Maßnahmen und Neuerungen durchzudrücken. Vor allem im Gesundheitssystem und agrarpolitisch. Überall stießen sie auf unüberwindliche Schwierigkeiten, die dann letztendlich dazu führten, dass man laufen ließ, wie es eben läuft. Ein einziger Wink mit dem kleinen Finger von diesem König, und der Dschungel lag ihm zu Füssen. Die Franzosen nahmen an, dem Monarchen alle Machtbefugnisse genommen zu haben. Hier sahen wir das Volk vor ihrem wirklichen Herrscher liegen, obwohl ihr Reich seit einem Jahrhundert nicht mehr bestand. Wir schrieben es seiner politischen Umsicht und internationalen Erfahrung zu, dass es in diesem Land nicht zu blutigen Aufständen gegen die Kolonialmacht gekommen war.

Wir hatten uns mit Aho auf dem Dorfplatz niedergelassen. Kopezky fotografierte und ich schleppte meine etwa sechzig Kilo an Geräten herbei. In einer Ecke des Platzes stand etwas erhöht der Fetisch. Diese Figur war wie der Klosterfetisch von getrocknetem Blut überkrustet, ihre Form aber weniger zu erkennen. Immer mehr Menschen kamen aus dem Busch. Die vom aufgewirbelten Staub gesättigte Luft durchströmte der nur Afrikanern eigene Geruch nach Schweiß. Ich habe diesen ausschließlich in Afrika bemerkt. Ein Phänomen, das durch die spezifische Ernährung der Schwarzen zu entstehen schien. Er wirkte keineswegs unangenehm, sondern gehörte zum Ambiente. Nach kurzer Wartezeit erschien der Fetischeur. Ohne uns nur eines Blickes zu würdigen, setzte er sich vor den Fetisch. Sofort verstummte in der versammelten Menge jedes Gespräch, gespannte Ruhe kehrte ein. Beschwörungsformeln murmelnd stellte er ein Holztablett vor sich auf den Boden. Er griff in die Tasche seines Gewandes und holte drei Kolanüsse heraus. Unter weiteren Beschwörungen brach er die Nüsse an deren Nähten auseinander, hielt sie einen Augenblick über seinen Kopf und ließ sie dann zusammen auf das Brett fallen. Tief beugte er sich darüber, murmelnd betrachtete er das Tablett, um gleich bedächtig aufzustehen. Er übergoss den Fetisch aus einer Kalebasse mit Palmöl, wendete sich ab und schritt wieder an uns vorbei. Dann sprach er zu der atemlos lauschenden Menge. Es waren nur einige Worte. Das Publikum brach in Freudengeheul aus und gebärdete sich wie glückliche Kinder.

Diese Orakelzeremonie, die wir Europäer ausnahmsweise beobachten durften, diente dazu, die Wudu nicht zu erzürnen. Das ist das Wort für Geister. Kam uns bekannt vor. Das klang doch so ähnlich wie Voodoo? Ja, diese zwei Kulte sind miteinander verwandt. Die Sklaven, die von Westafrika nach Südamerika gebracht wurden, haben die Rituale mitgenommen und dort wieder aufleben lassen. Ebenso stammen die grundlegenden Rhythmen der afrobrasilianischen Musik von hier. Der Priester kam zurück, hinter ihm drei weitere Männer in gleichen Gewändern, die Unterpriester. Sie waren beauftragt, die Gebete zu unterstützen, welche eine Gruppe Frauen singen musste. Normal sind es elf Strophen, doch das Orakel hat diesmal einundvierzig verlangt. Nur äußerst selten werden alle gesungen, ein ausgesprochener Glücksfall für uns. In dem Wissen, eine fast leer gefahrene Batterie zu haben, fuhr ich den Umformer hoch und schaltete das Tonbandgerät ein. Es gelang mir, schnell das Mikrofon an einem geeigneten Platz aufzustellen, da erklang schon der erste Gesang. Der Frequenzmesser zeigte stabil 50 Hertz, das Instrument zur Aussteuerung der Tonaufnahme, ein magisches Auge, zuckte grün, das Band drehte sich, und wider Erwarten konnte ich, zumindest den Beginn dieser einmaligen Aufführung, aufnehmen. Eingekrampft und in Schweiß gebadet starrte ich ausschließlich auf die Messinstrumente, um bei einem etwaigen Abfall der Spannung gleich zu reagieren. Ich verwendete zwar Kopfhörer, war aber so auf die Technik konzentriert, dass ich akustisch faktisch nichts wahrnahm. Unvermittelt hielt das Band an, das Leuchten der Anzeige erlosch, der Umformer schwieg …. die Batterie war leer. Mein ohnehin nicht ungeheuer ausgeprägtes Selbstbewusstsein schmolz mit dem Sterben der Autobatterie dahin. Geschockt und wie paralysiert kniete ich vor den, jetzt nutzlosen Geräten. Bis mir Mackie auf die Schulter klopfte und fragte, was ich denn hier weiterhin machen wolle, die Gesänge seien schon lange vorbei. Das war natürlich übertrieben, aber ich hatte alle Strophen auf Band! Und ich dankte den Geistern für die unwirkliche Kapazitätssteigerung der Batterie.

Chor der Frauen

Inzwischen wurden die Feuer neu geschürt. Übermannshohe Flammen schossen empor und beleuchteten die umliegenden Hütten. An einer Feuerstelle versammelten sich die Musiker, die Tamtamiers. Mit größter Begeisterung schlugen sie rhythmisch auf ihre umgekehrten Kalebassen ein. Mit gemischten Gefühlen, weil ungewohnt untätig, hörte ich der Musik zu. Es war ein intensives Erlebnis, da ich mich erstmals voll auf Rhythmus und Klang der einfachen Instrumente konzentrieren durfte, ohne Ablenkung durch die Technik. Auf dem gesamten Platz wurde getanzt, Männer wie Frauen. Wir verbrachten noch eine Zeit lang im Dorf, in der unsere Gläser stets mit Kognak nachgefüllt wurden, sobald sie leer waren. Aber da uns zuschauen alleine nicht genügte, baten wir Aho, nach Hause fahren zu dürfen. Er bot uns sein Geleit an und wir folgten ihm. Vor Tagesanbruch erreichte der kleine Konvoi Abomey. Im Campement schloss ich die Batterie ans Ladegerät an, dann kroch ich, wie die anderen vor mir, in meinen Schlafsack und schlief etliche Stunden.

Am nächsten Tag gab es einen herzlichen Abschied von seiner Majestät König Justin Aho, Chef de Canton von Abomey. Nochmals wiederholte er seine Einladung und wir mussten ihm versprechen, dass wir bei einer neuerlichen Expedition unbedingt auf einen Sprung vorbeikommen werden. Joko erhielt zum Abschied eine Flasche Cognac überreicht, über die er vor Freude außer sich geriet. Wir nahmen sie ihm sofort ab, um sie bis zu seiner Großjährigkeit zu verwalten.

Nur 130 Kilometer trennten uns von den Gestaden des Atlantiks. Nichts hielt uns mehr. Nach zwei Tagen erreichten wir Cotonou. Es war Nacht, als wir das Wasser erblickten. Der Geruch des Meeres, die Sterne, die sich in den dunklen Wellen spiegelten, setzten unaussprechliche Gefühle in jedem von uns frei. Achteinhalb Monate Arbeit und Strapazen haben wir hinter uns gebracht. Wenig bekleidet rannten wir zum Wasser. Es war genauso warm wie die uns umgebende Lufttemperatur. Dessen ungeachtet planschten wir lange darin, wie vergnügte Kinder. Unsere Luftmatratzen lagen eng beieinander, die Regelmäßigkeit der Brandung rauschte uns in glücklichen Schlaf. Am Morgen brachen wir zeitig auf, da sich, zwar in respektvollem Abstand, Neugierige um uns versammelten. Schwere graue Wolken lagen über Meer und Strand. Die große Regenzeit hielt sich eben nicht strikt an den gregorianischen Kalender. Bei extrem hoher Luftfeuchtigkeit und tropischer Temperatur fuhren wir in das Stadtgebiet. Beim Erreichen des Zentrums klebte die vom Schweiß getränkte Kleidung am Körper. Der französische Automechaniker in Niamey hatte eine Adresse in Cotonou angegeben, wohin er unsere Sachen schicken wollte. Nach einigen Irrfahrten fanden wir die Stelle. Da die Straßen asphaltiert waren, wagten wir es, den IFA zusätzlich damit zu beladen. Er tat zwar wie ein Kamel seinen Unmut darüber kund, indem er in seinen strapazierten Blattfedern ächzte, aber er schluckte brav die hinzugekommene Last.

Mehrfach haben wir an Häusern der Vororte Nischen und kleine Vorbauten mit Figuren darin gesehen. Nicht erlahmender Forschergeist drängte uns, diese zu untersuchen. Was wir fanden, war höchst erstaunlich. Offensichtlich waren es Fruchtbarkeitsfetische. Menschenfiguren stellten den Zeugungsvorgang und die dazugehörenden Präliminarien beachtenswert eindeutig, ideenreich und in vielen möglichen Varianten dar.

Fruchtbarkeitsfetisch
Fruchtbarkeitsfetisch

Hier genauer nachzufragen wäre sicher unterhaltsam und wichtig gewesen. Doch die Vorfreude auf die Heimfahrt ließ unsere berufliche Neugier auf die nachfolgende, längst geplante Expedition verschieben. So fuhren wir gegen Westen, der Grenze zum englischen Kolonialgebiet Goldküste entgegen. Der Zustand der Straßen war erfreulich und unser Wagen, der nach der Schinderei in Wüste, Busch und Urwald wieder Asphalt unter seinen Sohlen merkte, zeigte sich von seiner bestgelaunten Seite.

Unsere Ernährung während der Strecke von Abomey bis zur Küste bestand ausschließlich aus Fleisch und wenigen Früchten. Letztere hatten wir in den Trockengebieten des Niger und im nördlichen Dahomey merklich vermisst. Hier aber vertilgten wir Kokosnüsse, Ananas und Wassermelonen in solchen Mengen, dass die Eingeborenen bedenklich die Köpfe schüttelten. Über lange Strecken der Fahrt an der Küste entlang herrschte Schweigen im Wagen. Langsam wurden uns die Erlebnisse und das Ausmaß dessen, was wir geleistet haben, bewusst. Fünfzigtausend Meter bespieltes Tonband schleppten wir mit und Tausende Fotos. Ausreichend Material, um das Phonogrammarchiv der Akademie der Wissenschaften, die Universität und das Museum für Völkerkunde über längere Zeit damit zu beschäftigen. Jetzt bereuten wir es, dass niemand daran gedacht hatte, eine Filmkamera mitzunehmen. Die intensiven Vorbereitungen und angefallenen Organisationsarbeiten, sowie der Zeitaufwand zum Beschaffen von Geräten für die Tonaufnahmen, hatten mich voll ausgelastet. Da kam Film überhaupt nicht infrage. Jetzt, am Ende der Expedition, waren wir zwar gescheiter, aber doch zufrieden. Wir waren sehr, sehr müde und ein bisschen stolz auf unser Kollektiv.

Am Meer entlang, auf gepflegtem Asphalt, ging es zügig nach Westen. Durch die ehemals deutsche Kolonie Togo und deren Hauptstadt Lomé zum Übergang in die britisch dominierte Goldküste. An der Grenze, nur wenige Kilometer nach der Stadt, wurden wir äußerst liebenswürdig empfangen. Unser Eintreffen war, wie üblich, telegrafisch angekündigt worden, und der französische Posten verabschiedete uns freundlich. Eingetroffen auf der anderen Seite grinste der schwarze Zöllner so lange, bis er die Gewehre sah. Mit einem Mal wurde er amtlich und nahm eine Haltung ein, die Autorität vermitteln sollte. Zu deren Einfuhr bedürfe es einer Erlaubnis aus Accra, erklärte er. Alle Versuche, ihm klarzumachen, dass wir nur durchfahren wollten und es international üblich wäre, ohne Aufwand die Gewehre in das Carnet einzutragen, prallten an seiner Wichtigkeit ab. Dem gewohnten, eher jovialen Umgang der französischen Kolonialbeamten standen hier angelsächsische Disziplin und Sturheit gegenüber. Nur wenige Meter trennten uns vom blauweißroten Zollhaus. Die Regierung und alle offizielle Macht der Goldküste lagen in den Händen von Schwarzen. So war es ebenfalls mit dem Zoll. Einen derart konsequenten Widerspruch gegen das Verlangen eines Europäers gab es in den von Franzosen verwalteten Gebieten nicht. Wir erwarteten und hofften, dass jede Sekunde der weiße Chef des Postens auftauchen müsse, mit dem man normal und logisch sprechen könne. Einen solchen gab es aber nicht. Die Debatte lief sich heiß. Wir hatten Glück, denn zufällig war ein Beamter der britischen Kolonialbehörden anwesend. Unter der Oberhoheit der Afrikaner führten Engländer die Administration dort weiter, wo sie wegen ihrer Erfahrung in Schlüsselpositionen gebraucht wurden. Wir erklärten ihm die Situation und er sprach mit dem Zöllner. Daraufhin trug dieser die Waffen mit allen Nummern und Merkmalen in das Carnet ein. Das beanspruchte ihn so umfänglich, dass er vergaß, die Visa zu verlangen. Ein wenig Glück gehört zu so einer Expedition dazu, denn wir hatten keine.

Das zügige Tempo auf ungewohnt glattem Asphalt ließ etliche Meilen vor Accra einem Reifen die Luft ausgehen. Nicht lange nach dem Radwechsel, zeigte sich ein weiterer Pneu mit ihm solidarisch und wurde ebenfalls platt. Da aber keine Reserve mehr da war, auf die wir zurückgreifen hätten können, entlud sich die aufkeimende Erbitterung über Mackie. Zu Recht, denn er hatte sich in Abomey geweigert, einen Reservereifen zu kaufen. Max stellte sich an den Urwaldrand und hielt den nächsten Wagen auf, der uns passierte. Es war ein luxuriöser Amerikaner, der ihn bis Accra mitnahm. Voll Neid sahen wir ihm hinterher. Der freundliche Fahrer war der Neffe des Finanzministers der Goldküste, und Mackie begeisterte ihn auf der vierstündigen Fahrt in die Hauptstadt für unsere Arbeit. Das bewirkte, dass dem Forscher üppige afrikanische Gastfreundschaft zuteilwurde. Zwei Tage, in denen er auserlesenen Mahlzeiten und ebensolchem Trinken eifrig zusprach, brauchte Max, bis er mit einem Pneu wieder auftauchte. Wir hatten eben das Essen für den Abend fertig, aber Max lehnte freundlich dankend ab. Wir bissen in die gewohnten Sardinenbrote, die so hart waren, dass wir um unsere Zähne bangten. Selbst Joko küsste Max andauernd und schlief dann Nase an Nase mit ihm ein, sorglich umhüllt von der Whiskyfahne des Expeditionsleiters.

Gegen Mittag fuhren wir in die Hauptstadt ein. Die Wellblechhütten der Slums hinter uns lassend, glaubten wir auf ein Set in Hollywood geraten zu sein. Die Stadt Accra beeindruckte durch ihr getreues Abbild einer typischen Goldgräberstadt, wie aus dem wilden Westen Amerikas. Mit ihren „Saloons“, den Fassaden aus Holzplanken und Balken zum Anbinden von Pferden, erwarteten wir jeden Augenblick, John Wayne mit rauchenden Colts aus den Pendeltüren treten zu sehen. Störend an diesem Idyll war nur die gedrängte Menge von amerikanischen Straßenkreuzern. Im geschundenen IFA-Zweitakter knatterten wir, die Sechs- und Achtzylinder um uns nicht beachtend, durch das Wohnviertel. Zartblaue, nach verbranntem Öl riechende Wölkchen hinterlassend, näherten wir uns dem Zentrum der Stadt. Mackie kannte sich hier aus und lotste uns zu einem Hotel, bei dessen Anblick wir zu träumen meinten. Ein eifriger, in weiße Livree gezwängter Boy eilte herbei und versuchte beflissen den verzogenen Wagenschlag zu öffnen. Verzweifelt zog er an der Schnalle, erst kräftiger Druck von innen brachte den gewünschten Erfolg. Eher unvorteilhaft gekleidet und nach Dschungel riechend entstiegen wir dem Fahrzeug. Für Sekunden wurde abrupt die dezente Unterhaltung der Gäste auf der Terrasse unterbrochen. Herren im Tropensmoking und Damen in tief dekolletierten Kleidern saßen im kühlen Schatten üppiger, gepflegter Urwaldgewächse, starr in ihren Rohrstühlen. Es war ein Auftritt, wie ihn weiland Attila nicht besser hätte haben können. Dessen ungeachtet schob sich unsere Kompanie überzeugend verdreckt an den Erstarrten vorüber ins weiße Gebäude. Die Formalitäten an der Rezeption verschob man auf später. Der Geschäftsführer verschwand flugs durch eine Türe, die Dame hinter dem Tresen reichte uns mit spitzen Fingern die Zimmerschlüssel, und zog sich gleich bis an die Wand zurück. Der Boy draußen stand verzweifelt vor dem Berg an unansehnlichem Gepäck. In unseren Zimmern angekommen, widmeten wir uns sofort intensiver Körperpflege und kleideten uns so sauber wie möglich aus den von Niamey nachgesandten Koffern. Der Besuch beim hauseigenen Hairdresser bescherte uns eine Einheitsfrisur. Wir sahen aus wie Brüder. Mackie, der Expeditionsleiter, hob sich durch seinen knallroten Bart von uns ab. Am Nachmittag verließen wir das Hotel und begaben uns auf einen Anstandsbesuch zum österreichischen Honorarkonsul. Nach reiflicher Überlegung legten wir die kurze Strecke zu Fuß zurück. Mit unserem Auto konnte man nirgends mehr vorfahren. In frisches Gewand gekleidet, rasiert und mit gestylten Haaren, wurde uns wärmstes Willkommen zuteil. Die Einladung zum Dinner schlugen wir nicht aus.

Mit Einheitsfrisur und zivilisiert, Kopezky, Ich, Schani u. Mackie
Kopezky, ich, Schani u. Mackie mit Einheitsfrisur und zivilisiert,

Der Koch des aus Londonderry gebürtigen Konsuls brachte vorzügliche, von uns lange vermisste Speisen auf den Tisch. Mag sein, dass Mackies gepflegter roter Bart ausschlaggebend für dieses Festessen war. Es wurde ein harmonischer Abend, in dessen Verlauf die Sprache auf unsere Weiterfahrt kam. Der Herr Konsul, er war hauptberuflich Geschäftsmann, wusste von einem Frachtschiff, das demnächst mit Waren von ihm nach Hamburg ablegen sollte. Am Morgen des nächsten Tages klärte sein Büro mit dem Kapitän der „Lucy Essberger“ die Überfahrt zu einem vorteilhaften Preis. Wir bezahlten diesen aus der von IFA überwiesenen Kasse. Nach Abzug der Kosten für das Hotel blieben uns vierzig englische Pfund. Das Schiff sollte in zwei Tagen ablegen. Um Hotelkosten zu sparen, schifften wir uns umgehend ein. Es war ein erhebender Augenblick, wie unsere 27 PS afrikanischen Boden verließen. Von kräftigen Gurten getragen und einem Kran gehoben, schwebte der Kombi an Deck des Frachters, wo er fest vertäut wurde. Wir bezogen unsere die für jeweils zwei Personen bestimmten, geräumigen Kajüten. Das Schiff war für die Mitnahme von Passagieren eingerichtet. Die Zivilisation hat uns wieder eingefangen. Die Stille der Nächte in der Wüste, im Busch und im Urwald waren Vergangenheit. In so einem großen Schiff sind immer irgendwelche Motore oder Lüftungen zu hören. Erinnerungen an meine erste Hochseeschifffahrt stiegen hoch.

Kaum an Bord, begann Mackie zu husten und sich zu übergeben. Bei einem schnell arrangierten Arztbesuch in der Stadt stellte sich Gelbsucht heraus. Zusätzlich war bei ihm die Malariaprobe positiv ausgefallen. Ich selbst litt an einer schmerzhaften Stirnhöhlenentzündung. Kopezky hatte ebenfalls Gesundheitsprobleme. Nur Jean-Pierre, von uns Schani genannt, zeigte keinerlei Krankheitssymptome. Mit dem Verlassen des Hafens besserten sich die Symptome der Patienten schlagartig. Die täglichen Mahlzeiten nahmen wir in Gesellschaft des Kapitäns und seiner Offiziere ein und unterhielten sie mit den abenteuerlichsten Erlebnissen der Expedition.  Wir taten unser Möglichstes, um die Schiffsvorräte zu reduzieren. Eine akute Zunahme des Gewichtes aller Expeditionsteilnehmer im Verlauf der vierzehntägigen Reise war nicht zu übersehen. Ausgeruht und die Köpfe voll mit Plänen erreichten wir am 8. September 1956 Wien.

Wir lieferten das erarbeitete Material bei den damit zufriedenen wissenschaftlichen Institutionen ab. Umgehend starteten die Vorbereitungen für die nächste Expedition, die uns über eine Zeit von annähernd zwei Jahren durch einen Großteil des afrikanischen Kontinents führen sollte. Doch darüber werde ich in einem zweiten Teil der „Zeitgeister“ berichten.  

(Die Musikaufnahmen zu diesem Kapitel sind im Katalog des Phonogrammarchivs der Akademie der Wissenschaften zu finden)