21. KAPITEL – Die Viper, Chinesen und Abschied von Niamey

Michelle und François brechen knapp vor Tagesanbruch nach Tamanrasset auf. Im Zustand des Aufwachens höre ich sie in ihr Auto einsteigen und losfahren. Sie hatten mich schon vor einiger Zeit gefragt, ob ich ein paar Tage auf die Auberge aufpassen würde. Michelle hat einen runden Geburtstag und die beiden wünschen sich, diesen mit ein bisschen Luxus zu feiern, soweit das in dieser Wüstenstadt eben möglich ist. Sie planen, sich in einem guten Hotel mit Klimaanlage von geschultem Personal bedienen zu lassen, in Restaurants an blendend weiß gedeckten Tischen direkt aus Frankreich eingeflogene Speisen und Getränke zu genießen, ohne sich hinterher ums Abwaschen kümmern zu müssen. Geschäfte und der Basar locken mit erstaunlichen Dingen, die man zwar nicht unbedingt braucht, aber kaufen könnte. Da die beiden mir das Gefühl einer kleinen Ersatzfamilie gegeben haben und ich von ihnen Inspirationen für mein Buch bekomme, fiel es mir leicht, zuzusagen.

Doch jetzt, noch verschlafen im Bett liegend und auf das erste Tageslicht wartend, steigen Zweifel auf. Allein in diesem doch recht weitläufigen Anwesen, mitten im größten Wüstengebiets der Erde, ob das gut geht? Mir fällt ein viele Jahre zurückliegendes Erlebnis ein. Ein in einer riesigen Südtiroler Burg einsam lebender Kastellan erwiderte auf meine Frage, ob er nicht Angst habe so allein zu leben, dass er sich überaus sicher fühle. Fürchten müsse er sich nur, wenn Menschen da wären. Diese Einstellung eigne ich mir jetzt an, und begebe mich nach einer kurzen Dusche hinunter in den Gastraum, nicht ohne vorher mein Jagdgewehr zu laden und umzuhängen. Unten angekommen verspüre ich die neue Einsamkeit und Stille wie intensiven Druck auf die Ohren. Von Zeit zu Zeit wird die Ruhe unterbrochen. In unregelmäßigen Abständen verfängt sich mit leise pfeifender Wind in den halb offenen Fensterläden. Dieses melodische Geräusch, dem Ton einer Äolsharfe gleich, wirkt lauter, als es dem schwachen Luftzug nach angemessen wäre. Beim Betreten der sauber geputzten Küche fühle ich leichtes Unbehagen. Obwohl mich Michelle zur vollen Benützung berechtigt hat, ist es mir nicht angenehm, in dieses fremde und wohlgeordnete Reich der Wirtin einzudringen. Ich bereite mir trotzdem eine Kanne Tee und entnehme dem wohlgefüllten Kühlschrank ein Stück Baguette sowie etwas Käse und setze mich damit gemütlich an den Küchentisch.

Das Frühstücksgeschirr ist sorgfältig abgewaschen und auf seinen Platz zurückestellt, der Tisch sauber abgewischt. Mit dem Gewehr über der Schulter starte ich meinen Rundgang durch den Hof und die angrenzenden Gebäude. Ausgestorben und friedlich breitet sich der Hof zwischen Mauer, Haus und Garage aus. Doch da bewegt sich etwas in der Mitte des freien Platzes. Das Objekt hat die gleiche gelblich – rötliche Farbe wie der Sand rundherum. Die Flinte entsichert in der Hand nähere ich mich vorsichtig dem jetzt reglosen Ding. Ein Kopf hebt sich aus dessen Mitte und züngelt in meine Richtung. Es ist eine gedrungene kurze Hornviper. Mit geschmeidigen Sprüngen versucht sie seitwärts zu entkommen. Offensichtlich hat sie sich aus der Hamadawüste in den Hof herein verirrt. Ich bleibe stehen, das Herz ein wenig schneller schlagend. Dieses Reptil ist wegen meiner plötzlichen Anwesenheit sicher ebenso erschrocken, wie ich durch den ihres Anblicks. Angst macht diese hochgiftige Schlange unberechenbar und gefährlich. Ein Biss kann tödlich sein. Wenn man nicht rechtzeitig mit dem richtigen Serum spritzt, wirkt das Gift blutzersetzend. Fasziniert von diesem schönen und gleichzeitig tödlichen Wesen, wage ich ein paar vorsichtige Schritte näher heran. Die Schlange hat mich jetzt im Fokus ihres Blickes, den dicken Körper zusammengerollt bewegt sich die Viper nicht mehr, sondern züngelt warnend in meine Richtung. In der Hoffnung sie vertreiben zu können, wage ich mich auf eine sichere Distanz von etwa zwei Meter Entfernung heran. Sie bleibt reglos, doch die gespaltene Zunge züngelt unermüdlich in meine Richtung. Die beiden Hörner über den Augen lassen sich leicht erkennen, die ihr ihren Namen gegeben haben. Wie dieses schöne Tier loswerden, ohne selbst in Gefahr zu geraten? Erschießen wäre das Einfachste. Mit langsamer Bewegung hebe ich das Gewehr. Während ich die Hähne des Ferlacher spanne, hindert mich der Gedanke, einen Mord damit zu begehen, abzudrücken.

Aber aus dem Hof muss ich sie entfernen. Als nächste Option bietet sich die Viper einzufangen. Doch wie und womit? Ich habe anderswo Schlangen mit Gabelstöcken erjagt. Die waren wenigstens meist lang ausgestreckt, sodass der Stock genau hinter ihrem Kopf platziert und so die Tiere ohne Gefahr fixiert werden konnten. Diese Viper hingegen hat sich eng zusammengerollt und hält ihr Kopfende geschützt zwischen den Windungen ihres Körpers. Außerdem, wo nimmt man in der Wüste eine geeignete Astgabel her? Ich beginne, beruhigend mit ihr zu sprechen, leise, beschwichtigend, als könnte sie meine Absichten verstehen. Meine ehrlichen Beteuerungen, dass ich nichts Böses vorhabe, stoßen aber bei ihr auf taube Ohren. Sie starrt mich an, ohne zu blinzeln, ohne den starren Kreis ihres Körpers zu lösen. Nur die flinke Zunge scheint mich zu warnen: Komm näher, und du wirst es bereuen.

Hornviper

Daher bleibt nur eine Lösung: Die Schlange muss gefangen und nach draußen geschafft werden, ohne dass sie Gelegenheit bekommt zu beißen. Ich erinnere mich, in der Werkstatt eine schwere Autoplane eines Pickups gesehen zu haben. Eine Plane, so dick, dass die Giftzähne der Schlange sie keinesfalls zu durchdringen vermögen. Bedächtig und langsamen Schrittes, stets den Hof im Blick behaltend, hole ich das dunkelgrüne Autoverdeck aus der Garage. Doch als ich zurückkomme, ist die Schlange verschwunden und ist nicht mehr zu sehen. Eine Giftschlange, die man nicht sieht, die sich überall verstecken kann, ist ein gefährliches Jagdobjekt. Der Boden ist zwar fest, doch lassen sich die unverkennbaren Spuren dieses sich seitwärts fortbewegenden Reptils verfolgen. Vorsichtig folge ich der Spur, bis zu der Mauerseite, wo Akamouk gewöhnlich seine Unterkunft aufgebaut hatte.

Die Plane halte ich vor mir, wie ein Torero die Capa beim Stierkampf. Schützend breit ausgespannt lasse ich sie am Boden schleifen, und nähere mich so der Schlange, jeder Schritt vom pochenden Bewusstsein der Gefahr begleitet. Die Viper taucht wieder auf, regungslos und angespannt, bis ich näher komme. Bei meinem Herannahen versucht die Viper zu flüchten. Das gelingt ihr nicht so leicht, weil die seitliche Fortbewegung einerseits von der Mauer, andererseits durch das riesige steife Stoffverdeck verhindert wird. Seitwärts gleitend, bleibt ihr eine einzige Möglichkeit, in Richtung der Einfahrt vorwärts zu schlängeln. Stets an der Wand entlang bewegen wir uns in Richtung Einfahrt. Meine Arme, ausgestreckt und angespannt, beginnen bald zu zittern. Die Plane ist schwer, und das ständige Hochhalten wird zur Tortur. Aber sie ist mein Schutzschild gegen tödliche Bisse und dient dazu, der Schlange die gewünschte Richtung zu weisen. Sie scheint sich mit der Zeit an das sie bedrängende grüne Objekt zu gewöhnen, denn ich muss sie einige Male zum weiterschlängeln anstupsen. Das gefällt ihr gar nicht, sie schnellt hoch und versucht ihre Giftzähne blitzschnell in das sie bedrohende Tuch zu schlagen. Das leistet aber Widerstand und lässt sie abgleiten. Der Angriff kommt so schnell und heftig, dass ich instinktiv einen Sprung nach hinten mache. Mein gesamter Körper ist auf einmal in Schweiß gebadet. Ich bedaure, dass mich niemand sieht, wie heldenhaft und strategisch durchdacht ich das gefährliche Tier kontinuierlich weiter zum Eingangstor treibe. Die durch das Befahren der Einfahrt entstandenen flachen Spurrinnen unter dem Tor bieten der Schlange Gelegenheit, flugs nach außen in die Freiheit zu gelangen. Erschöpft, aber zufrieden kehre ich in die Gaststube zurück, lasse die Plane achtlos auf den Boden fallen und bereite mir zur Erholung einen ausgiebigen Pastis 51. Meine sonst so ruhige Hand, die mich unter normalen Umständen als zielsicheren Schützen ausweist, zittert beim Einschenken.

Gegen Abend, nach einem beschaulich verbrachten Nachmittag, nütze ich die Abwesenheit meiner Wirtsleute und starte den Fernseher in ihrem Wohnraum. Auf allen erreichbaren Sendern wird medienwirksam über die Ausbreitung des COVID-19, dem Coronavirus berichtet. Im Fernen Osten nimmt die Anzahl der Neuansteckungen langsam ab, China kehrt vorsichtig zur Normalität zurück. Doch die Pandemie wandert schnell nach Westen. Ich bin wieder einmal glücklich, mich hier in einem riesigen Landstrich aufzuhalten, der bis jetzt kaum davon berührt wird. Vom Norden, der Küstenländer am Mittelmeer, wird von derzeit fünftausend Kranken mit nur wenig täglichen Neuinfektionen berichtet. In der lebensfeindlichen Sahara dazwischen kann kein Virus oder Keim ohne Wirt überleben. In den angrenzenden Sahelstaaten Mali, Niger und Tschad gibt es bis heute nur relativ wenige gemeldete Infektionen. Doch bereiten mir die oft widersprüchlichen Nachrichten aus Europa Sorgen. Da leben Verwandte, Freunde und mir lieb gewordene Menschen in Gefahr. Aber es ist unmöglich, von hier aus etwas zu ändern. Den Meldungen zufolge hat Österreich die Krise vorbildlich gemeistert. Spät kehre ich in meinen Turm zurück und stelle das geladene, aber gesicherte Gewehr in Griffweite neben das Bett.

Im Morgengrauen werde ich von ungewohntem Motorenlärm geweckt. Ein kleiner Konvoi bewegt sich von der Hauptpiste auf die Auberge zu. Ein Geländefahrzeug, ein Bus und ein LKW. Schnell ziehe ich Hose und Hemd an und laufe die Treppe hinunter, dann durch den Hof und öffne das Einfahrtstor. Der Geländewagen fährt herein. Langsam verzieht sich der durch die Fahrzeuge hochgewirbelte Staub, so sehe ich den Bus und den LKW rechts von der Piste halten. Die Leute bleiben in den Gefährten sitzen und machen keine Anstalten hereinzukommen. Das Tor lasse ich offen und wende mich den neu Angekommenen zu. Mitten im Hof haben sie angehalten. Zwei Männer steigen aus dem Auto, das einem Mercedes G, bis auf die etwas glattere Motorhaube, zum Verwechseln ähnlich ist.

Einer der Ankömmlinge scheint, nach seinem Burnus zu schließen, ein Berber aus dem Norden zu sein, der andere trägt eine Khakihose, darüber eine kurzärmelige Tropenjacke mit überdimensionierten aufgesetzten Taschen, wie man sie von den Uniformen britischer Offiziere im Tropendienst kennt. Beide haben gegen Staub und Hitze ihre Köpfe turbanartig mit Tüchern verhüllt, der größere trägt eine dunkle Pilotenbrille. Wir reichen uns die Hände, wobei sich die Herren mit ihren Namen vorstellen, die ich aber nicht verstehe. Auf meine Frage, ob die anderen aus dem Bus und dem LKW nicht hereinkommen wollen, bedeutet man mir mit einer Handbewegung, dass die draußen bleiben. Ich lade die beiden in die Gaststube ein.

Kaum betreten wir den Raum, nehmen sie ihre Verhüllungen ab. Der größere der beiden ist unverkennbar chinesischer Herkunft. Er lächelt, weil er meinen erstaunten Gesichtsausdruck sicher als Erschrecken deutet. Es ist ihm bewusst, dass sie wegen der Pandemie im Moment stigmatisiert sind. Aber da kein Mitglied seiner Truppe seit vielen Monaten in China war und die Kommunikation mit der Heimat und den Dienstgebern in Algier nur auf elektronischem Weg stattfindet, könne man die Möglichkeit von Infektionen ausschließen. Ich biete ihnen Kaffee an, den sie gerne annehmen. In der Zeit, in der wir auf das Kochen des Wassers warten, erklärt mir der Asiate, dass er und seine Leute seit zwei Jahren ohne Unterbrechung in einem Wüstenort der nördlichen Sahara, ein Paar Kilometer östlich von Quargla, leben. Er selbst ist Ingenieur, die anderen sind Spezialisten auf verschiedenen technischen Gebieten. Sie sind am Weg zu ihrem neuen Einsatzort im Tschad.

Ich serviere den Kaffee und versuche, mehr Informationen zu erhalten. Die Männer sind auf der Tanezrouft vom Norden gekommen, haben irrtümlich eine Abkürzung genommen und deshalb Bordji Mokhtar in der Nacht verpasst. Es war ursprünglich geplant, dort Wasser aufzutanken, aus diesem Grund sind die Tanks jetzt leer. Ich gehe das Dieselaggregat hochfahren, damit die Wasserpumpe ausreichend mit Strom versorgt wird, und zeige dem Beduinen die Stelle, wo er nachfüllen darf. Auf einen Ruf von ihm steigen die Passagiere aus dem Bus und schleppen Kanister und Gerbas heran. Ich begebe mich wieder in die Gaststube zu dem chinesischen Ingenieur. Auf meine Frage, wie es seine Landsleute in seiner Heimat geschafft haben, die Kette der Ansteckungen zu unterbrechen, meint er, dass man in China neben modernster Medizin auf alte Gepflogenheiten wie Qi-Gong und andere traditionelle Methoden setzt. Mehr ist meinem asiatischen Gegenüber nicht zu entlocken. Da unterbricht der Beduine mit der Meldung, dass man zur Weiterfahrt bereit sei. Ich lehne es ab, Geld für Wasser und Kaffee anzunehmen, in der Hoffnung, damit bei den Mouloudjies Verständnis zu finden. Beim Verlassen der Gaststube wickelt der Chinese sein langes Tuch wieder um den Kopf, bis sein Gesicht vollständig verborgen ist. Gemeinsam gehen wir zum Wagen, wo sich die beiden höflich verabschieden, bevor sie den Hof verlassen und ihren Weg fortsetzen.

Nachdem ich das Tor verschlossen habe und zurück in die Gaststube komme, bemerke ich auf dem Tisch eine kleine Überraschung. Unter einer Kaffeetasse liegen ein paar größere Scheine Francs-CFA, ein stiller Dank für Wasser und Gastfreundschaft. Absolute Stille herrscht wieder. Eine dicke Fliege summt laut durch den Raum, von kurzen Landungen unterbrochen, und nimmt damit der Ruhe ihre Bedrohlichkeit. So lästig solche Brummer sein können, bedeutet doch ihr Geräusch in der sonst toten Umgebung Leben. Mein Plan, in der kühlen Jahreszeit die Rückreise nach Europa anzutreten, ist durch die Coronakrise in weite Ferne gerückt. Im Norden Algeriens steigen die Infektionszahlen exponentiell, über fünfhundert neue Fälle täglich. Im Gegensatz dazu scheinen sich die Zahlen in den Sahelstaaten Niger und Tschad auf einem niedrigen Niveau zu stabilisieren, jeweils nur wenige Dutzend Fälle insgesamt. Doch ein Rückweg über die Sahara zwingt unweigerlich zur Passage durch Frankreich oder Italien, Länder, die besonders hart von der Pandemie getroffen sind. Ich beschließe, die Rückreise zu vertagen und abzuwarten, was die Zeit bringt. Die kurze Erklärung meines chinesischen Gastes lässt mich nicht los. Kann es sein, dass Jahrtausende alter medizinischer Erfahrung heute noch immer greifen? Die europäische Kultur ist zwar nicht annähernd so alt wie die der Asiaten, eigentlich sollten da ebenfalls Erkenntnisse aus vielen Jahrhunderten vorhanden sein und wirken. Ketzerische Gedanken schießen mir durch den Kopf. Hat die Aufklärung, die als Befreiung von Dogmen und als Beginn einer neuen Ära des Verstandes gefeiert wird, vielleicht ihre Schattenseiten? Könnte es sein, dass die Rebellen der Aufklärung in ihrem Bemühen übertrieben haben? Oder ist den Protagonisten der Bewegung die Kontrolle über ihr löbliches Werk entglitten? Haben Eiferer aus der Philosophie der Aufklärer die Berechtigung zu radikaler Eliminierung uralten Volkswissens konstruiert? Könnte es sein, dass die radikale Abkehr von altem Wissen, vom intuitiven Verständnis der Welt, einen Verlust bedeutet hat, den wir heute schmerzlich spüren? Wie kann es sonst geschehen, dass China fortschrittlicher und stärker als die gesamte westliche Welt aus dieser Pandemie aussteigt? Das Reich der Mitte hatte sich unter den verächtlichen Blicken Europas gegen die Aufklärung gewehrt und damit das Wissen über die Zusammenhänge in der natürlichen Heilkunst und Esoterik bis heute, trotz Maos Kulturrevolution, bewahrt.

Diese Gedanken kreisen wie ein unaufhörlicher Reigen in meinem Kopf. Schließlich übermannt mich die Müdigkeit. So schultere ich das Gewehr und gehe in den Schuppen, um das Stromaggregat abzustellenund mache mich auf den Weg zurück in den Wohnturm. Die Dunkelheit und Stille der Nacht verstärken mein Ruhebedürfnis. Kurz bevor ich einschlafe, meldet sich mein Gewissen. Eigentlich sollte ich morgen an den Erinnerungen weiterarbeiten. Aber was bedeuten persönliche Erinnerungen in einer Zeit, in der die großen Fragen der Menschheit nach Sinn, Wissen und Fortschritt wieder drängender denn je erscheinen?

Sanddüne

Wir hatten anstrengende, turbulente, aber höchst aufregende Tage in dem Dorf Begouro-Tondo-Kangee mit dem Zauberer Yabilan verbracht. Die Ausbeute unserer Arbeit für die Feldforschung hat alle Erwartungen übertroffen. Trotz der in den weiß überzogenen, kühlen Betten im Hotel wunderbar durchgeschlafenen Nacht, machen sich noch immer Symptome von Erschöpfung breit. Unsere Stimmung war labil, schwankte zwischen Euphorie und Schwermut. Einhundert und fünfzig Kilometer Piste waren bis Niamey zu bewältigen. Die führte in respektvoller Entfernung am Fluss Niger entlang und war eine der Hauptverbindungen von der Provinz Tillabéri nach der Hauptstadt. Von den viele Tonnen schweren LKWs mit übergroßen Rädern zügig befahren, hatten sich betonharte Sandwellen, die bekannten Tôle ondulées gebildet.

In großer Sorge um unser dürftig motorisiertes Auto gab ich Vollgas, das der IFA brav annahm und, trotz schwerer Ladung, nach relativ kurzer Zeit auf siebzig Kmh beschleunigte. Es war angeraten, diese Reisegeschwindigkeit konstant einzuhalten, denn langsamer wurde das Fahrzeug derart durchgebeutelt, dass die Karosserie zu zerfallen drohte, sowie unsere hoch technisierten Geräte gefährdet waren. Um das erforderliche Tempo zu erreichen, benützte ich mit zwei Rädern den äußersten rechten ebenen Rand der Piste, dort wo sich kein LKW hin verirrt. Dieser schmale Streifen ohne Wellblech zwischen Fahrbahn und Savanne barg eine Gefahr, tiefe Querrinnen, entstanden durch abfließendes Regenwasser von der Piste. Die ohnehin schon geschwächten Stoßdämpfer hätten die Fahrt über so einen Graben nicht mehr durchgehalten. Die linken Räder auf der Wellblechpiste, die rechten auf relativ glattem Grund jagte ich den F 9, konzentriert auf Querrinnen achtend, binnen eines Kilometers auf Reisegeschwindigkeit. Erstaunlich, wie brav der IFA lief. Bis zu dem Moment, an dem er kein Gas mehr annahm. Bevor das Auto endgültig stehen blieb, rumpelte es gewaltig. Der Motor verweigerte nach mehrmaligen Startversuchen den Dienst! Er pfiff uns was, im wahrsten Sinne des Wortes, denn er gab bei jeder Umdrehung pfeifende Geräusche von sich.

Da standen wir, verlassen inmitten des afrikanischen Buschs und stellten gemeinsam deprimierte Überlegungen über den Sinn dieser Reise an. Oder darüber, warum wir uns das antaten. Lethargisch und in hoffnungslosen Trübsinn versunken, unternahm niemand etwas zur Rettung der Situation. Banjou, der junge Dolmetscher verstand dieses Gehabe überhaupt nicht. Er war Afrikaner, den solche minimale Probleme nicht aufregten. Entgegen unserer Apathie wurde er aktiv und meinte, ob er nicht nach Tillabéri zurückgehen und Hilfe holen soll. Kraftlos wünschten wir ihm Glück und ließen ihn laufen.

Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, hörten wir rundherum im Busch das unverkennbare Geräusch von Perlhühnern. Mackie schnappte sich ein Schrotgewehr und überprüfte den Inhalt einer Schachtel Munition. Die beinhaltete neben Patronen mit 2,5mm-Schrot zwei mit Posten, das waren Bleipatzen, mit denen man Wildschweine erlegen oder sich gegen Angriffe wilder Tiere effizient zu wehren vermag. Mit entschlossener Miene machte er sich auf, Perlhühner zu jagen. Ein Unterfangen, dem wir keinen Erfolg gaben, denn diese Laufvögel bemerken das Herannahen einer möglichen Gefahr auf größere Entfernung und flüchten zu Fuß, oder aufgeregt flatternd fliegend, so zeitgerecht, dass man unmöglich zu einem Treffer kommt.

Kopecky und ich harrten derweil im Lager aus, lethargisch und gleichgültig. Kettenrauchend, teilnahmslos und schwitzend harrten wir über Stunden der Geschehnisse, die da kommen sollten. Stunden vergingen, ohne dass sich an unserer Lage etwas änderte. Die Gruppe Perlhühner war längst weitergezogen, es herrschte absolute Stille, untermalt vom beständigen Summen der Fliegen, die, angelockt durch den Geruch von menschlichem Schweiß, in uns Kadaver vermuteten. Wir hörten ein Geräusch kräftiger Schritte und mussten die Augen Richtung Himmel heben, zwei Giraffen stolzierten in wenigen Metern Entfernung am Lager vorbei. Sie hielten an, um uns von oben herab mit gelassener Neugier zu betrachten. Kopecky tastete vorsichtig nach seiner Kamera, entschlossen, diesen majestätischen Moment festzuhalten. Da ertönte aus weiterer Distanz ein Schuss, und gleich drauf ein zweiter. Die Giraffen verharrten nur eine Sekunde, bevor sie sich erschrocken, mit großer Eleganz in Bewegung setzten und flüchteten.

Giraffen flüchten

Dann herrschte wieder endlos lang Stille, in der wir rätselten, ob Mackie sich selbst entleibt hat? Nach reiflicher Überlegung verwarfen wir diese Theorie, denn wie hätte er in so einem Fall einen zweiten Schuss abgeben können? Langsam näherte sich die Sonne dem Horizont, die Farben von Busch und Gras, einiger Blüten, sowie der rote Sand der Straße schienen kräftiger zu leuchten. Sorge um Mackie und Banjou kam auf. Weit entfernt erschien auf der schnurgeraden, vor Hitze flirrenden Piste eine Gestalt, die sich langsam in unsere Richtung bewegte. Durch das Swarovskifernglas blickend erkannten wir Mackie, der gemächlich auf uns zuschritt. Es dauerte einige Zeit, bis er bei im Lager eintraf. Mit seinem australischen Rangerhut, dem Gewehr schräg über der Schulter und einer Machete am Gürtel hängend, hätte er als Double von Crocodile Dundee durchgehen können. Er schleppte zwei Perlhühner daher, die er uns mit sichtbarem Stolz und unnachahmlicher Arroganz vor die Füße warf, und sich selbst gleich auf die Gerba, aus der er lange, ohne abzusetzen trank. Seine Erschöpfung war ihm deutlich anzusehen, denn er hatte sich zur Rückkehr aus dem Busch an der Sonne orientiert, dabei aber deren natürlichen Gang nicht eingerechnet. Was ihm einen Umweg von ein paar Kilometern einbrachte.

Bald darauf sahen wir ein Fahrzeug aus dem Norden herankommen. Banjou hatte in Tillabéri einen Mechaniker gefunden, einen Europäer, der einen Pick-up als Abschleppwagen besaß. Wir packten alles Gepäck aus unserem Auto auf die Ladefläche des Werkstattwagens. Der IFA wurde mit einem Seil angehängt, da jede andere Methode wegen des geringen Bodenabstands unmöglich war. Für mich folgte eine höllische Fahrt im IFA. Der Schlepper konnte mit dem anhängenden Fahrzeug nicht dieses Tempo fahren, das notwendig gewesen wäre, um über die Wellblechpisten hinwegzugleiten. In einer dichten Sandwolke sitzend, die mir Sicht und Atem nahm, bekamen ich und unser geplagter F 9 jede Bodenwelle wie Hammerschläge zu spüren. Das Auto tanzte auf der Straße wie ein Motorboot bei hohem Wellengang von links nach rechts. Auf Lenkeinschläge reagierte es überhaupt nicht mehr.

Bei Dunkelheit erreichten wir unser Ziel. Das bestand aus einem kleinen Wohnhaus, einem großen Hof dahinter und einer gedeckten, zur Platzseite offenen Werkstatt. Diese und der von Mauern begrenzte Platz davor waren notdürftig elektrisch beleuchtet. Völlig durchgebeutelt und Sand zwischen den Zähnen stieg ich von leichtem Schwindel erfasst aus. Der eingeebnete Sandboden des quadratischen Hofes war dunkel mit Motorenöl getränkt und festgetreten. Auf einer Seite lagen traurig ein paar Autowracks. In der Werkstatt setzte sich der ölige Boden fort. Dort war er tiefschwarz, und kleine, mit Öl gefüllte Pfützen verteilten sich über die gesamte Fläche. Im langgestreckten Raum standen eng gedrängt verschiedene größere Werkzeugmaschinen. Ausgebaute Automotoren, Getriebe und deren Teile lagen wahllos verstreut herum. An den Wänden zeugten leere Haken von ehemaliger Ordnung. An diesen hingen einmal griffbereit Schraubenschlüssel, Zangen und anderes Werkzeug.

Monsieur Goll, wie der Mechaniker hieß, schraubte sofort den Zylinderkopf ab und wir sahen die Katastrophe. Die Kopfdichtung war gerissen und zerfiel beim Herunternehmen in einzelne Teile. Unsere Reservedichtung war schon in Kerzaz verbraucht worden. Aber wir wären nicht in Afrika, hätte es nicht eine Lösung für dieses Problem gegeben. Monsieur Goll, ein typischer „Petit blanc“, griff zuerst einmal in den mit schwarzem Öl verschmierten Kühlschrank und reichte jedem eine Flasche kühles Bier. Unsere Stimmungslage besserte sich dadurch entschieden. Aus einer dunklen Ecke holte er eine flache Platte aus biegsamem Asbest, das mit einer dünnen Kupferschicht überzogen war. Er könne daraus eine neue Dichtung schneiden und das Auto wäre morgen früh abzuholen. Wir schenkten ihm die zwei von Mackie geschossenen Perlhühner und marschierten in die uns schon bekannte Herberge.

Der Himmel zeigte sich am nächsten Morgen in grauer Melancholie, die Luft klebte wie ein zu feuchtes Etikett auf der Haut. Bereits nach wenigen Schritten verschmolzen unsere Hemden mit den schweißnassen Rücken. Der Weg zur Werkstatt, wo wir das Auto mit unserem gesamten Hab und Gut zurückgelassen hatten, war deshalb mühsam. Monsieur Goll, die Verkörperung guter Laune und Frische, empfing uns strahlend, als hätte er die Nacht in einem Wellnesshotel verbracht. Ohne Auftrag hatte er den IFA in der Nacht überholt, und erzählte uns das mit Stolz in der Stimme. Die Zündkerzen waren gewechselt, die Bremsleitung repariert und alle Düsen und Filter gereinigt worden. Selbst die Hecktüre schien wieder besser zu passen. Der F 9 stand abfahrbereit im Hof. Wir hatten den Eindruck, er würde lächeln und sich freuen, seine Quälgeister wiederzusehen. Vielleicht projizierten wir auch nur unsere Erleichterung auf das treue Arbeitstier. Der Schreck über die sicher enorme Rechnung blieb aus, es wurden nur die Materialkosten verrechnet. Die Arbeit an dem seltenen Zweitakter hätte dem Meister Freude bereitet, außerdem wären wir ihm sympathisch. Gerne nahmen wir dieses Entgegenkommen an und bedankten uns überschwänglich.

Schon beim Anlassen des Motors, selbst die Batterie schien frisch geladen zu sein, empfand ich ein feines Glücksgefühl, das sich bei den ersten Metern Fahrt verstärkte. Der IFA reagierte wie neu, die Lenkung ging leichter und die Bremsen schlugen minutiös an. Unterwegs beobachtete ich meine Freunde aus den Augenwinkeln. Schon lange hatten sie nicht mehr so heitere und zuversichtliche Gesichter. Die Männer vermittelten Stolz, als hätten sie die Reparaturen selbst geschafft, und die Gewissheit, dass sich die Anstrengungen mit dem Zweitakter doch lohnen würden. Der so raparierte F9 hatte unseren Teamgeist wieder zusammengesetzt.

Wir hatten die Fahrt über Glück, denn erst vor Niamey überraschte uns ein Tornado, gewaltige Wassermassen stürzten aus den Wolken. Wenige Kilometer vor der Stadt bekamen wir endlich Asphalt unter die Räder. Die Scheibenwischer vermochten die Mengen Wasser, die vom Himmel fielen, nicht bewältigen, sodass wir stehen blieben und abwarteten, bis das Ärgste vorbei war.

Nach dem Tornado
Der Tornado ist vorbei

Binnen weniger Minuten ließ der Regen nach, die Sicht wurde besser, auch wenn die Straße unter einem plätschernden Sturzbach völlig verschwunden war. Vorsichtig tastete ich mich an die Stadtgrenze heran. Beim großen Markt schien die Sonne plötzlich so unbeeindruckt und strahlend, als hätte es die Regenzeit nie gegeben. Dort ließen wir Banjou aussteigen, von wo er nicht weit nach Hause hatte. Die Straße dampfte durch die Hitze, und beim Eintreffen im Domizil der Expedition war alles rundherum staubtrocken. Schani und Walter hatten während unserer Abwesenheit das Haus bestens gehütet. Trotz der heftigen Regenstürme waren die Haupträume trocken geblieben, eine kleine, aber willkommene Sensation. Schani empfing uns in der Badehose, Walter brutzelte in der „Küche“ im Hof seine bewährten Palatschinken aus Mehl und reinem Wasser, aber mit einer Hingabe, die fast schon an ein kulinarisches Ritual erinnerte.  

Walter konnte auch Nudeln kochen.
Die „Küche“ hinterm Haus

Der Kassenwart sparte weiter, obwohl Alkaïdi Touré die erste Rate von den versprochenen 120.000 CFA für Père Ubu bezahlt hatte. Aus Vorsicht wollten wir ihm das Auto aber nur dann geben, nachdem es ausbezahlt war, und das möglichst kurz vor unserer Weiterfahrt nach Süden. Würde er in der Zwischenzeit wild im Busch herumfahren, bestünde die Gefahr eines neuerlichen Achsbruchs. Ein solcher wäre für den Humber letal gewesen. Obwohl, unbeladen hätte er zweifelsfrei mehr ausgehalten. Aber, sicher ist sicher. Wir verspeisten gemeinsam die von Walter hergestellten, etwa einen Zentimeter dicken Mehlfladen, die er Palatschinken nannte. Mit dem Öl aus der Sardinendose bestrichen und mit Sardinen belegt eine Köstlichkeit. Die Unterscheidung, ob der gebackene Teig, oder das Rückgrat und die Gräten der Fischlein zwischen den Zähnen mehr knirschten, war nicht leicht zu finden. Walter hat in einer Anwandlung von Selbstverleugnung einen fünf Liter fassenden Bonbon französischen Kiravi-Rotwein auf den Tisch gestellt, der die Verdauung der Billigsardinen, und die Erzählungen beflügelte.

Nach dem verspäteten Mittagessen gab es die heißersehnte Siesta. Es wurde später Nachmittag und etwas kühler in unserem Gemäuer. Nicht nur ich, ebenso Schani und Walter waren auf die Ausbeute der Reise gespannt. Da Kopecky seine Fotofilme in dieser kurzen Zeit nicht zu entwickeln vermochte, stemmte ich das Magnetophon auf meinen Arbeitstisch und legte das erste Band ein. Herzzerreißendes Jaulen erfüllte den Raum. Selbst wiederholtes Rückspulen und neuerliches Einlegen des Tonbandes, sowie mehrmaliges Starten mit dem Schaltknebel brachte keinen geraden Ton zustande. Nervös nahm ich ein älteres, längst geprüftes Band, erzielte damit aber genau denselben Effekt. Der Belgier Schani meinte trocken, dass das „schlimm“ klänge, Walter blickte schweigend tiefernst, Kopecky grinste unverschämt und Mackie gab mir solch technische Ratschläge, wie sie nur von einem gelernten Kaffeesieder stammen konnten. Ich selbst fühlte mich gar nicht wohl in meiner mit Schweiß überzogenen Haut, der sich mit jedem neuerlichen Startversuch vermehrte. Die vier Herren verzogen sich in ihre eigenen Abteilungen, schweigend, ohne ein Wort des Trostes. Im Geiste sah ich mich kleinlaut in Wien in den heiligen Hallen des Phonogrammarchivs in der Liebiggasse, umringt von Mitgliedern der Akademie, die je nach Temperament böse, ernst oder mitleidig reagierend dem Gejaule aus den Lautsprechern lauschten. Kein Albtraum kann schlimmer sein. Allein gelassen ging ich trüben Sinnes daran, das Gerät zu zerlegen. Nach einigem Suchen fand ich die Ursache meiner Verzweiflung in der ausgeleierten Rutschkupplung. Sie musste gegen eine neue getauscht werden. Ersatz aus Wien schicken zu lassen, würde etwa drei Wochen dauern.

Abends folgte ich in gedrückter Stimmung meinen unbeschwert plaudernden Freunden zu einer Einladung auf einen Drink bei Louis Mouren, dem Apotheker. Irgendeine Fügung brachte es, dass der schadhafte Gummiring in meine Hosentasche gefunden hatte. Nach dem zweiten Whisky zeigte ich diesen dem Hausherrn. Der stieg mit mir in seine Werkstatt hinunter, wo wir einen zumindest ähnlichen Ring aus Gummi fanden. Das war ein zarter Hoffnungsschimmer. Wieder zu Hause angekommen nahm sich unser technisch Begabtester, Hans Kopecky, des Werkstücks an. Mittels einer Rasierklinge fertigte er eine annähernd perfekte Kopie des Originalteiles an. Meine Empfindungen zu diesem Erfolg waren leicht ambivalent, denn dadurch hatte der Fotograf bei mir einen Gutpunkt. War mir in dem Moment auch egal. Ich baute das Teil ein. Damit war der Erfolg der Expedition vorläufig wieder einmal gerettet.

In dieser Situation wurde überlegt, wie wir unsere Arbeit, für die zu diesem Zeitpunkt kein Ende abzusehen war, mit einem Auto und fünf Mann gestalten können. Wir hatten an die sechshundert Kilometer afrikanischer Pisten mit einigen Arbeitsplätzen vor uns. Das Platzangebot im IFA für alle Expeditionsteilnehmer mit gesamtem Arbeitsgepäck war zu gering. Wir beschlossen, unseren Sparmeister Walter, per Flug nach Hause zu schicken, wo er die medienwirksame Rückkehr der Expedition vorbereiten sollte. Nur ungern übergab er den Geldbeutel an Mackie, da er sofortiges Verprassen des Schatzes befürchtete. Eine Sorge, die er auch gleich, fast beleidigend, offen kundtat.

Die Zeit bis zu unserer Abfahrt nach Süden verbrachten wir nicht untätig. Wir lernten Boubou Hama kennen, einen intellektuellen Schriftsteller sowie Politiker. Sein Einfluss reichte weit, besonders in der von den Franzosen geduldeten und streng beaufsichtigten Assemblée Nationale, wo er eine bedeutende Rolle spielte. Wir besuchten ihn in seinem Büro in der Assamblé. Bei kühler Limonade gab es interassante Gespräche, sein Wissen über Europa war enorm. Er war Mitglied der großen Volksgruppe der Djerma, deren Sprache ich in einem akustischen Diktionär festhalten wollte. Durch seine Vermittlung fanden wir einen aufgeweckten Mittelschüler, perfekt in französischer und seiner Muttersprache. Eine recht langwierige und langweilige Arbeit, an der Mackie schnell die Lust verlor. Seine Begeisterung hielt bei ihm etwa bis zum Buchstaben C. Trotz meiner eigenen Ambition, das Alphabet vollständig zu dokumentieren, musste ich den Versuch an dieser Stelle abbrechen. Dringendere Aufgaben, insbesondere die Vorbereitungen für die Weiterfahrt, ließen mir schlicht keine Zeit, diese sprachliche Reise zu Ende zu bringen.

Akustische Übersetzung der Djermasprache

Wir gaben Zeitungs- und Radiointerviews, und stellten uns sonst recht wichtig dar. Alles das schon in der Absicht, dieses fabelhafte Land, in dem es Wüste, Gebirge, Steppe, Busch und einen in seinem Umfang eher bescheidenen Urwald gab, unbedingt wieder zu besuchen. Mit den für jeden Landesteil typischen ethnischen Besonderheiten, war dieses Land für unsere Arbeit von hohem Interesse.

Interview in Radio Niger

Der Tag der Abreise kam immer näher, Alkaïdi Touré holte Père Ubu ab und brachte das Restgeld in bar mit. Ich versuchte meine Emotionen durch Geschäftigkeit zu unterdrücken, letztlich war der Humber das allererste eigene Auto in meinem Leben. Walter wurde zum Flugplatz gebracht und mit vielen positiven Wünschen in das Flugzeug der Air France gesetzt. Das persönliche Equipment reduzierten wir auf das Nötigste. Es folgten nicht wenige beachtenswert feuchte Abschiede von unseren neu gewonnenen Freunden in Niamey, und wir verließen alle mit dem ehrlich gemeinten Versprechen, wiederzukommen.

Fotos alle Rechte: H. M. Prasch, Diktionär: Phonogrammarchiv der Akademie der Wissenschaften

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