23. KAPITEL – Abschied – König Aho – und Heimfahrt

Obwohl es nicht spät ist, bricht die Dunkelheit schnell herein. Die außerordentliche Hitze dieses Tages bleibt verebbend eine Zeit lang spürbar. Angenehm ist die Nähe der Touaregfamilie, sie wirkt allein durch ihre Anwesenheit beschützend und entspannend. Niemals vorher hatte ich das Gefühl, den Schutz einer Gruppe Touareg zu benötigen. Das gibt mir Gelegenheit zu reflektieren. Ich überlege mir den Schluss dieses ersten Buches und die Schilderung der folgenden Jahre meiner Tätigkeiten in Europa, Afrika, Peru und wieder zurück. Bei Reisen prägen sich die primären Eindrücke stärker als die nachfolgenden ein. Glasklar erinnere ich mich an die ersten Forschungsreisen in Afrika aus den Jahren 1954 bis – 63 und die dabei gewonnenen Erfahrungen. Wobei die Grenzen zwischen der zweiten und dritten Expedition schon recht unscharf geworden sind. Faszinierend finde ich die großen Unterschiede der zahlreichen religiösen Kulte Afrikas, die von uns entdeckt und teilweise dokumentiert wurden. Doch die rasante politische Entwicklung seit 1960, das Jahr, in dem die Kolonialmächte sich offiziell aus Afrika zurückzuziehen begannen, hatten diese tief in den Völkern verwurzelten Glauben und Bräuche marginalisiert. Vor allem die jeweiligen religiösen Traditionen wurden entweder kommerzialisiert, wie Voodoo, oder zogen sich in schwer erreichbare Gegenden zurück, wozu der radikale Islamismus mit seinen salafistischen Idealen maßgeblich beigetragen hat. Seit vielen Jahrzehnte eroberte friedlicher Islam aus dem Norden des Kontinents große Gebiete Afrikas. Er lebte gleichberechtigt neben uralten afrikanischen Kulten, sowie importierten oder autochthonen Religionen.

Es wird kühl, und ich ziehe mich in den wärmenden Schlafsack zurück. Die politischen Einflussnahmen, vornehmlich durch streng islamische Länder, vermindern das Gefühl relativer Sicherheit der Jahre meiner ersten Expeditionen. Das Vorgehen Chinas zur Wahrung seiner wirtschaftlichen Interessen lässt Vergleiche mit den kolonialistischen Bestrebungen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts absolut zu. Gewiss mit dem Unterschied, dass diese chinesischen Investitionen, vor allem diejenigen in die jeweilige Infrastruktur der Länder, ausschließlich populistischen Zwecken dienen. Ich schätze mich glücklich, meinen Aufenthalt in einem wegen seiner Abgelegenheit sicheren Gebiet gewählt zu haben. Obwohl es ohne Zweifel anderswo in Afrika ebenso geschützte Möglichkeiten gibt; die Qualität der Sahara ist kaum zu ersetzen. Erschöpft von den heutigen Erlebnissen werden die Gedanken langsamer und undeutlicher. Im Abtauchen in einen erholsamen Schlaf nehme ich noch den Mond wahr, der sich, für diese Gegend ein ungewöhnlicher Anblick, einen großen Hof zugelegt hat.

Das Gefühl, beobachtet zu werden, wirkt wie ein Weckruf. In respektvoller Entfernung stehend, sehen mich Dayak Aïscha und seine Tochter an. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob sie miteinander verwandt sind, aber es wäre so passend. Wie sie bemerken, dass ich die Augen öffne, kommen beide näher. Sie fragt mich, wie es mir geht und ob etwas benötigt würde. Ich schlüpfe umständlich aus dem Schlafsack, begrüße die Besucher und verneine die Frage. Wir wechseln einige belanglose Worte über den seltsamen Mond heute Nacht. Die Familie wird jetzt weiterreisen, sie würden aber zwei Männer zurücklassen, um mir behilflich zu sein. Ein Angebot, das ich dankend ablehne. Im Hintergrund bewegen sich Menschen und Tiere, die Zelte sind längst abgebaut und mit den Holzstangen auf die Kamele geladen. Was haben sie mit den Wüstenschiffen angestellt, das sie beim Beladen nicht dazu bringt, gurgelnd zu brüllen. Diese Geräusche hätten mich unweigerlich geweckt. Meine Verlegenheit ist groß, weil ich habe nichts bei mir, was ein würdiges Abschiedsgeschenk für die Lebensretter wäre. Schnell räume ich die Lebensmittel aus der Aluminiumkiste lose in den Rover. Mit der Bemerkung, dass dies ein Andenken sei, stelle ich diese vor ihre Füße. Damit habe ich offensichtlich ins Schwarze getroffen, denn nach einigen Abschiedsfloskeln eilten sie in ihren wallenden Gewändern mit der Kiste zur Karawane zurück. Vermutlich werden sie darin den für sie wichtigen Kamelmist transportieren.

Die letzten Nachzügler, ein paar Kinder, die Ziegen führen, verschwinden hinter dem Horizont, die absolute Stille der Sahara lässt mich alle Aufregung vergessen. Eine juckende Stelle an der Stirne will ich im Rückspiegel des Landrovers betrachten. Aus dem Glas blickt mir ein Greis entgegen. Die grauen Haare am Kopf und der Bart wirken auf der von der Sonne hoch geröteten Haut schneeweiß, die Falten darin haben sich in der Nacht vertieft und zerklüften scharfkantig mein Gesicht. Es gleicht dem eines lebenslang von Witterungen gegerbten, weit über hundert Jahre alt gewordenen Targi. Verstärkt wird der Eindruck biblischen Alters durch den darauf klebenden Wüstensand. Es ist ein Sakrileg, aber ich wasche mir mit kaltem Wasser aus der Gerba den Sand von der verbrannten Haut. Ein neuerlicher Blick in den Spiegel zeigt jetzt eine leichte Verjüngung des Aussehens. Ich beschließe, den heutigen Tag in aller Ruhe anzugehen. Das Feldbett ist mit dem zusammengerollten Schlafsack darauf bequem zum Sitzen geeignet. Das nütze ich jetzt aus und nehme dort das Frühstück zu mir. Etwas Wind kommt in kleinen Böen auf. Sie sind kurz und weich, aber in deutlichem Gegensatz zur Stille der Umgebung an den Ohren doch recht laut. Die Bemerkung des zukünftigen Amenokal, dem gewählten Oberhaupt aller Touareg, den merkwürdigen Mond betreffend, beschäftigt mich. Es gibt eine Weissagung, dass wenn Derartiges geschieht, sich die Mächtigen der Welt uneins sind und gegeneinander kämpfen. Ähnliches habe ich früher im Sudan über das Erscheinen eines Hofes um den Mond gehört.

Trotz leichten Unwohlseins beschließe ich, bis zum „Grand Erg“ zu fahren. Nach ein paar Kilometern schneller Fahrt steigt Unlust in mir hoch, außerdem erfasst mich ein Gefühl der Schwäche. In großem Bogen drehe ich in der scheinbar endlosen Weite der Hamada den Kühler des Rovers auf Süd-Ost. Der Motor brummt brav und gleichmäßig. Da es keine Vorratskiste mehr gibt, haben sich ein paar Konservendosen selbständig gemacht. Ihr geräuschvolles Hin- und herrollen auf der Ladefläche nervt ordentlich, doch deshalb stehen zu bleiben kommt nicht infrage. Ich strebe nach Hause in die Auberge. In nicht zu weiter Entfernung taucht eine Gruppe Gazellen auf. Das wäre ein nettes Mitbringsel für Michelle und François. Leider äsen die Tiere rechts von meiner Fahrtrichtung, zwischen der untergehenden Sonne und mir. Ich gelange deshalb nicht unentdeckt in ihre Nähe. Sie würden außerhalb sicherer Schussentfernung flüchten. Aber es gibt morgen früh in der Dämmerung eine weitere Chance. So schlage ich in einem mit wenigen Büschen bewachsenen Gebiet das Nachtlager auf. Ein inzwischen beinhart gewordenes Stück Baguette, mit dem Inhalt einer der herumrollenden Dosen Paté bestrichen stillt meinen Hunger. Damit das Essen besser rutscht, trinke ich dazu eine halbe Flasche extrem erwärmten Rotwein. Der Schlafsack lockt. Neben dem effizienten Schutz vor nächtlicher Kälte vermittelt er ein trügerisches Gefühl der Geborgenheit.

Der Gedanke, mit einer frisch erlegten Gazelle meinen Wirtsleuten Freude zu bereiten, hat von mir voll Besitz ergriffen. Die erste Dämmerung lässt mich hochfahren und hellwach packe ich schnell zusammen. Leider erweist sich die Gegend, in der ich die Nacht verbrachte, zum Jagen für absolut unergiebig. Ungeordnet werfe ich die Schlafsachen ins Auto und fahre sofort los. Da meine Rückreiseroute anders liegt, als die der Anreise, wende ich den Rover direkt nach Osten. Das funktioniert problemlos, denn in der flachen Hamada benötigt man in dieser Jahreszeit keine vorgezeichneten Pisten. Solch bedenkenloses Herumkurven in unendlicher Einsamkeit lässt lang vermisstes Gefühl von Freiheit hochkommen. Ich erinnere mich an die frühere Durchquerung einer leichten, zart begrünten Senke, in der ich eine Anzahl Gazellen nebst Antilopen gesehen hatte. Dorthin trachte ich. Nach kurzer, schneller Fahrt liegt eben diese paradiesische Tiefebene vor mir. Die Sonne steigt über den Horizont. Aber leider komme ich von der falschen Seite, denn mich hat die Erfahrung gelehrt, bei Jagden das Tagesgestirn möglichst hinter sich zu haben. In respektvollem Abstand von den scheuen Tieren umrunde ich diese. Nur einige von ihnen äugen reaktionslos zu mir herüber. Solange ich fahre, besteht aus ihrer Sicht keine Gefahr für sie. Sie scheinen sich an fahrende Autos gewöhnt zu haben, denn allgemein flüchten diese Tiere vor bewegten Objekten. Die Fenster des Fahrzeugs sind alle geöffnet, kühler Luftzug lässt Kopfhaar und Hemd flattern. Der Drilling liegt, provisorisch vor einem Sturz gesichert, griffbereit am Beifahrersitz. Endlich habe ich die Sonne exakt im Rücken und das Anpirschen im Auto beginnt. Spätestens jetzt stellen sich ehrlichen Jägern, die auf europäische Jagdgesetze und deren Ethik geschult sind, die Haare zu Berge. Doch in Afrika herrschen andere Gesetze. Hier schießt man nicht, um Trophäen zu erhalten, sondern zur Nahrungsbeschaffung. Außerdem würde es Tage brauchen, um sich dem Wild auf erfolgversprechende Schussentfernung zu Fuß anzunähern. Es gibt keine Bäume oder größere Steine, um dahinter Deckung zu finden.

Es folgt Routine. Äußerst vorsichtig an die Gruppe Gazellen heranfahren, das Auto in Schussposition bringen, sich währenddem trotz weit überhöhter Pulsfrequenz nur in Zeitlupe bewegend. Dabei wird einem nicht bewusst, dass man zu atmen aufgehört hat. Das Zielfernrohr hat den ausgewählten Bock längst erfasst, der Finger liegt am Druckpunkt des Abzugs ……, das mit eingelegtem Gang langsam dahinrollende Fahrzeug ruckelt zweimal, nach einer Fehlzündung bewegt es sich nicht mehr. Diese Geräusche lösen bei der Herde eine kurze Fluchtbewegung aus, der Bock gerät aus dem Schussbereich. Verwundert, aber keineswegs alarmiert spannen ein paar Prachtexemplare mit aufgestellten Lauschern zu mir herüber, um dann gemütlich weiter zu äsen. Das Warnlicht der Tankuhr blinkt aufgeregt. Um die Benzinkanister zu erreichen, muss ich aussteigen. Mit äußerst langsamen Bewegungen Geräusch vermeidend öffne ich die Wagentüre – mit einem bellenden Ruf warnt ein Bock die Herde, die sofort flüchtet. Wie zum Hohn bleiben die Tiere nach wenigen Metern erwartungsvoll stehen und beäugen mich voll Interesse. Kaum setze ich einen Fuß auf den Wüstenboden, jagen sie mit gewaltigen Sprüngen in die Weite. Ihre weißen Spiegel leuchten im Morgendunst verschwindend.

Schwer verärgert und enttäuscht wegen dieser verpassten Gelegenheit fülle ich Benzin in den Tank. Nach einigen Startversuchen geht es wieder Richtung Süden. Ich schiebe die Ursache an meinem Versagen bedenkenlos verschiedenen Fremdverschulden zu, deren Richtigkeit hier ohnehin niemand überprüft: Dem durch die Sonne verursachten mangelhaften Körperzustand, der Firma Landrover – weil sie keine größeren Tanks in ihre Autos einbauen – dem minderwertigen Benzin, den nachlässigen Schutzengeln und der mangelnden Erziehung durch die Eltern, bis hin zu den unfähigen Lehrern meiner Volksschulzeit.

Etwas Trauer umfängt mich, denn ich möchte einmal noch in die Schönheit der Wüste eintauchen. Ich hole mir eine Kleinigkeit zu essen, die halb geleerte Flasche Rotwein und nehme damit, die Beine baumeln lassend, auf der Ladefläche des Autos Platz. Ohne Mühe wandeln sich Ärger und Trübsal in Glücksgefühle. Ich lasse die absolute Stille und unendliche Weite auf die verwundete Seele wirken. Die Ewigkeit darf jetzt beginnen, und ich wäre damit zufrieden. In solch gehobener Stimmung setze ich die Reise fort. Spuren anderer Fahrzeuge kreuzen meinen Weg oder laufen parallel dazu. Nach einiger Zeit wird die schmale Piste durch unregelmäßig gesetzte Steinhäufchen erkennbar, die sie begrenzen. Bis zum Abend wird die Strecke zur Auberge geschafft sein. Ich bin kürzer als geplant unterwegs, irgendein unbestimmtes Gefühl drängt mich zu vorzeitiger Rückkehr.

Offenkundig habe ich zu lange beglückt in die Wüste gestarrt, denn ohne Überleitung bricht die Dunkelheit herein. Die Häufchen aus Steinen, von vorsorglichen Menschen am Rande der Piste aufgebaut, werden stetig größer und zeigen den Verlauf der Strecke an. Im Licht der Scheinwerfer erreiche ich endlich das breite Band der Wellblechpiste, die an der Auberge vorbeiführt. Der leistungsstarke Motor des Landrovers lässt zügiges Tempo zu. Bald sehe ich am Horizont Lichtschein. Der kann nur von der Beleuchtung des Hauses der Mouloudjis sein. Kurz vor der Abzweigung in den Weg zum Ziel queren drei Gazellen gemütlich die Straße. Ich fühle mich verhöhnt. Hier, in dieser Gegend, dürften gar keine sein. Man hat im Haus mein Kommen schon längst gehört und gesehen. Wie von Geisterhand öffnet sich das Tor der Einfahrt, François winkt freundlich, was mir ein Gefühl des Geborgenseins in einer Familie gibt. Im weiträumigen Hof parkt ein grau lackierter Toyota, ein Auto der algerischen Polizei. Die Anwesenheit solcher Beamten, weit entfernt jeder Zivilisation, löst stets Unbehagen aus. Ich stelle den Motor ab, lösche die Lichter und steige aus. François schließt das Tor und kommt schnellen Schrittes herbei. Nach der herzlichen Begrüßung sagt er mir mit einer Wendung seines Kopfes in Richtung Toyota, die wären wegen mir hier. Sie sind schon gestern frühmorgens aufgetaucht und wollten unbedingt auf mich warten. Damit erklärt sich ebenfalls der nicht gewöhnliche Aufwand an Licht im und um das Haus. Merde, denke ich, was haben die vor, weil sie sogar Tage von ihrer Zeit opfern?

Obwohl keiner Schuld bewusst, betrete ich mit mulmigem Gefühl die Gaststube. Da sitzen, Kaffeetassen vor sich, alte Bekannte. Es sind drei der Polizisten, die vor einigen Wochen hier waren. Sie sind diesmal erstaunlich freundlich, der Anführer steht auf und reicht mir die Hand. Der Offizier trägt eine adrette Uniform, ein Überbleibsel aus der französischen Zeit Algeriens. Es gab Überfälle in seinem Distrikt, meint er, weshalb er die Pflicht habe, mit mir darüber zu reden. Michelle umarmt mich kurz, aber demonstrativ. Angewandter Mutterinstinkt: „tue ihm nichts, sonst bekommst du es mit mir zu tun“. Der Polizeioffizier und ich setzen uns an einen Tisch. Er bekommt eine Tasse Kaffee hingestellt, die Wirtin bringt mir augenzwinkernd einen Whisky mit Eis. Er fragt, wo ich mich die letzten Tage aufgehalten hätte und ob meine Waffe vorhanden wäre. Ich bitte Françoise, das Gewehr aus dem Landrover zu holen. Währenddem erzähle ich dem Algerier, etwas ausgeschmückt das Abenteuer der vergangenen Tage. Wichtigtuerisch betrachtet er die Waffe, vergewissert sich, indem er sie aufklappt, dass sie ungeladen ist. Zufrieden mit den Ergebnissen seiner Inspektion gibt er sie mir wieder zurück. Ich danke meinem Schutzengel für das Pech bei der Gazellenjagd. Wäre ich mit Beute heimgekommen, hätte das peinlich werden können. Algerien hat verschiedene Gebiete zu Reservaten erklärt, bei denen man nicht so genau erkennt, wo deren Grenzen sind. Der deutlich edel bemessene Whisky wirkt, die Augen brennen vor Müdigkeit. Beruhigt über den Ausgang des Gesprächs verabschiede ich mich allgemein und strebe meinem Turmgemach entgegen. Oben angekommen versperre ich vorsorglich die Türe, stelle das Gewehr in die Ecke. Angezogen aufs Bett fallen und sofort einschlafen ist eins.

Arabische Laute, die vom unteren Stockwerk heraufklingende, holen mich aus tiefem Schlaf. Geräuschvoll fährt das Polizeiauto ab. Jetzt aber duschen und frühstücken. Das Wasser hat in der Nacht beachtliche Kälte gespeichert, sodass ich beschließe, mich nur notdürftig zu waschen. Mit frischer Kleidung am provisorisch gewaschenen Körper steige ich in die Gaststube hinunter. Der Frühstücksplatz ist wie gewohnt vorbereitet. Ich rücke den Stuhl hörbar zurecht. Aus der Küche klingen klappernde Geräusche und die Stimme Michelles, die fragend meinen Namen ruft. Dank ihrer arabischen Abstammung, kann sie den Anfangsbuchstaben „H“, von Herbert aussprechen, was bei François, dem gebürtigen Franzosen, stets wie “ärbär“ klingt. Ich antworte mit einem gerufenen oui und guten Morgen. Sie erscheint mit einem voll beladenen Tablett. Obwohl ich kein großer Frühstücker bin, freue ich mich diesmal darauf. Das scheint die Gute erraten zu haben, denn es ist üppig, was sie mir da auf den Tisch stellt. Sie schenkt den Tee in die Tasse und meint dabei: ils font la guerre en Europe. Ja, sie sagt es tatsächlich so: Sie machen Krieg in Europa! Da diese Idee nach so vielen Jahrzehnten Frieden derart absurd ist, denke ich kurz an einen Scherz. Oder möchte sie mir damit andeuten, dass ich doch lieber hier in der Wüste bleiben soll? Sie bestätigt es aber nochmals und erzählt mir Details. Russland fiel mit einer Übermacht in die Ukraine ein. Doch diese wehrt sich mit Unterstützung des Westens erfolgreich. Jetzt erklärt sich der unvorhergesehene Besuch der Polizei. Die angeblichen Überfälle waren nur ein Vorwand. Ich kann und mag es nicht glauben, dass es im einundzwanzigsten Jahrhundert zivilisierte Menschen gibt, die einen dritten Weltkrieg heraufbeschwören. Dessen ungeachtet steht mein Entschluss fest, mich nach dem opulenten Frühstück konzentriert dem Schreiben zu widmen.

An diesem Abend frage ich um die Erlaubnis, mit fernsehen zu dürfen. In dem Raum, in dem sich das Fernsehgerät befindet stehen zwei Lehnsessel, fast unverrückbar schwer aus massivem Holz gefertigt. Man findet diese gleich aussehenden, mit weichen Polstern ausgelegten Möbelstücke überall in Afrika. Die breiten Armlehnen wären ideal zum Abstellen von Gläsern geeignet, wenn sie nicht schräg nach hinten zur Lehne steil abfielen. Die Szene ist gespenstisch. Ich sitze, bequem angelehnt, in der Hand ein Glas mit Pastis, worin die frischen Eiswürfel knackend in Stücke springen. Ein Ambiente des Wohlfühlens, während Fernsehbilder das Grauen des Krieges in Europa zeigen. Kaum siebenhundert Kilometer von Wien entfernt, das ist in etwa die Fahrtstrecke von Wien nach Berlin, töten Menschen auf Geheiß von Politikern andere Menschen zu Tausenden. Jeden Abend treffen wir uns jetzt zu den Nachrichten. Täglich zeigen die Bilder brutale Zerstörungen, Leid und Gewalt. Stunden- und tagelang in moderigen Kellern ausharren, am näherkommenden Geräusch der explodierenden Bomben die Entfernung abschätzen. Ich habe es selbst erlebt. Es war qualvoll, bei Treffern in der Nachbarschaft im flackernden Licht der nackten Glühbirne den durch die undichten Türen eindringenden Staub einzuatmen. Das alles ist in Europa wieder eingekehrt. Von den Leuten einer Generation verursacht, die das Glück hatten, in eine siebenundsiebzig Jahre dauernde Zeit des Wohlstands durch prosperierende Wirtschaft geboren worden zu sein. Sie lebten in dem Luxus, den ihre Eltern oder Großeltern aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs geschaffen haben. Ähnlich wie die Covid-Pandemie erschüttert dieser Krieg alle Länder dieser Erde und wir sehen voraussichtlich großen globalen Veränderungen entgegen.

Diese Gedanken beschäftigen mich so ausschließlich, dass ein konzentriertes Weiterschreiben nicht mehr möglich scheint. Binnen Stunden fällt mein Entschluss, hier abzubrechen und nach Hause zu fahren. Der fehlende Schluss des ersten Teiles der Zeitgeister kann daheim geschrieben werden. Ich setze ihn umgehend in die Tat um. Der Abschied von Michelle und François gestaltet sich etwas sentimental, doch der Hinweis auf die Länge der zurückzulegenden Strecke, lässt weitere Peinlichkeiten nicht aufkommen. Die Fahrt wird zehn Tage dauern und ich verspreche, mich sofort nach meiner Ankunft in Wien zu melden.

Sahara
Sahara Dünen

König Aho, Herrscher über das Volk der Fon in Dahomey, blickte nach den gesanglichen Darbietungen eines Teiles seines Harems, stolz in die Runde. Wir kannten uns nicht so recht aus, ob Applaus angebracht wäre. Doch Mackie rettete die Situation, indem er sich mit höflichen Worten bedankte. Es war erstaunlich, dass Aho, dieser weitgereiste Mann, der alles über Europa und die Welt wusste, der die etwas veralteten Zeitungen las, sobald sie hier in Abomey eintrafen, dass er inbrünstig an Geister glaubte. Knapp vor Mitternacht erhob sich Aho abrupt. Er werde jetzt zu seinem Bruder, dem berühmtesten Fetischpriester des Landes fahren. Der würde in ein paar Stunden DAN, die große Regenbogenschlange befragen, wann sie zu essen gedenkt, somit Opfer annimmt. Ob wir mitkommen wollen? Spontan stimmten wir zu. Ich hatte Sorgen, denn der Akkumulator war durch die vergangenen Aufnahmen fast leer. Standesgemäß besaß der König eine blitzsaubere Peugeot 203 Limousine.

Er wartete, bis wir unser Gefährt beladen und bestiegen hatten. Aho fuhr nicht selbst, aber ließ seinen Fahrer forsches Tempo halten. Damit wir den Vordermann nicht verloren, forderte ich die 28 PS des IFA bis zum Letzten. Mehrmals musste der König warten, bis wir ihn einholten. Irgendwann einmal waren seine Hecklichter nicht mehr zu sehen. Im Lichte der völlig verstellten Scheinwerfer tastete ich mich weiter, bis wir das Staatsgefährt wieder sahen. Oft stellten sich uns nachtaktive Tiere in den Weg, die zu umfahren mir knapp gelang. Bei einer Abzweigung hatte er gewartet, fuhr aber sofort los, als unsere Lichter für ihn zu sehen waren. Glücklicherweise fanden wir in der Dunkelheit die richtige Weggabelung.

Auf einer Lichtung vor uns brannten die Feuer eines kleinen Dorfes. Dort stand der Wagen des Königs. Er war umgeben von einer großen Menschenmenge, die sich bei unserem Näherkommen teilte. Aho hatte im Auto auf uns gewartet. Sein Sinn für dramatische Effekte war recht ausgeprägt, denn er wollte uns das Schauspiel seines Aussteigens bieten. Der Wagenschlag öffnete sich und wir hörten ein gewaltiges Rauschen. Es waren die Boubous, die bodenlangen Gewänder der Umstehenden. Wie von einem Orkan hingestreckt, fielen hunderte Menschen im Umkreis in sich zusammen. Das ergab eine gespenstische Szene. Der Herrscher stand aufrecht inmitten dieser sich auf dem Boden windenden Masse. Niemand erhob sich. Ein Mann, geschätzte vierzig Jahre alt, kroch durch die Liegenden auf den König zu. Er erweckte einen muskulösen und gedrungenen Eindruck. Es war der Bruder Ahos, der große Medizinmann. Kniend küsste er dem Herrscher die Hand. Es schien aber Unstimmigkeiten zu geben. Es gab Rede und Widerrede, bis Aho’s Stimme lauter wurde. Seine Worte klangen wie ein Befehl. Er wandte sich uns zu und berichtete kurz, dass wir jetzt die Erlaubnis hätten, am Fest teilzunehmen. Hier war er König. Der große allmächtige Herrscher, dessen Wille für alle Gesetz war. Unvorstellbar, dass er in Abomey in seinem Palast Hof hielt, aber jeder französische Beamte durfte ihm diktieren, was erlaubt ist. Seit Jahrzehnten bemühte sich die Kolonialmacht Frankreich vergeblich, Maßnahmen und Neuerungen durchzudrücken. Vor allem im Gesundheitssystem und agrarpolitisch. Überall stießen sie auf unüberwindliche Schwierigkeiten, die dann letztlich dazu führten, dass man laufen ließ, wie es eben läuft. Ein einziger Wink mit dem kleinen Finger von diesem König, und der Dschungel lag ihm zu Füssen. Die Franzosen nahmen an, dem Monarchen alle Machtbefugnisse genommen zu haben. Hier sahen wir das Volk vor ihrem wirklichen Herrscher liegen, obwohl sein Reich seit einem Jahrhundert nicht mehr bestand. Wir schrieben es seiner politischen Umsicht und internationalen Erfahrung zu, dass es in diesem Land nicht zu blutigen Aufständen gegen die Kolonialmacht gekommen war.

Wir hatten uns mit Aho auf dem Dorfplatz niedergelassen. Kopezky fotografierte und ich schleppte meine etwa sechzig Kilo an Geräten herbei. In einer Ecke des Platzes stand etwas erhöht der Fetisch. Diese Figur war wie der Klosterfetisch von getrocknetem Blut überkrustet, ihre Form aber weniger zu erkennen. Immer mehr Menschen kamen aus dem Busch. Die vom aufgewirbelten Staub gesättigte Luft durchströmte der nur Afrikanern eigene Schweißgeruch. Ich habe diesen ausschließlich in Afrika bemerkt. Ein Phänomen, das durch die spezifische Ernährung der Schwarzen zu entstehen schien. Er wirkte keineswegs unangenehm, gehörte zum Ambiente. Nach kurzer Wartezeit erschien der Feticheur, umringt von Gehilfen. Ohne uns nur eines Blickes zu würdigen, setzte er sich vor den Fetisch. Sofort verstummte in der versammelten Menge jedes Gespräch, gespannte Ruhe kehrte ein. Unterstützt von seinem Gefolge, Beschwörungsformeln murmelnd stellte er ein Holztablett vor sich auf den Boden. Er griff in die Tasche seines Gewandes und holte drei Kolanüsse heraus. Unter weiteren Beschwörungen brach er die Nüsse an deren Nähten auseinander, hielt sie einen Augenblick über seinen Kopf und ließ sie dann zusammen auf das Brett fallen. Tief beugte er sich darüber, murmelnd betrachtete er das Tablett, um gleich bedächtig aufzustehen. Er übergoss den Fetisch aus einer Kalebasse mit Palmöl, wendete sich ab und schritt wieder an uns vorbei, bis zu einer erhöhten Stelle. Dann sprach er zu der atemlos lauschenden Menge. Es waren nur einige Worte. Das Publikum brach in Freudengeheul aus und gebärdete sich wie eine Schar glücklicher Kinder. Er hat ihnen mitgeteilt, dass Dan, die große Regenbogenschlange zufrieden sei und demnächst zu essen wünsche.

Diese Orakelzeremonie, die wir Europäer ausnahmsweise beobachten durften, diente dazu, die Wudu nicht zu erzürnen. Das ist das Wort für Geister. Kam uns bekannt vor. Das klang doch so ähnlich wie Voodoo? Ja, diese zwei Kulte sind miteinander verwandt. Die Sklaven, die von Westafrika nach Südamerika gebracht wurden, haben die Rituale mitgenommen und dort wieder aufleben lassen. Ebenso stammen die grundlegenden Rhythmen der afrobrasilianischen Musik von hier. Der Priester kam zurück, hinter ihm drei weitere Männer in gleichen Gewändern, die Unterpriester. Sie waren beauftragt, die Gebete zu unterstützen, welche eine Gruppe Frauen sangen. Normal sind es elf Strophen, doch das Orakel hat diesmal einundvierzig verlangt. Nur äußerst selten werden alle gesungen, ein ausgesprochener Glücksfall für uns.
In dem Wissen, eine fast leer gefahrene Batterie zu haben, fuhr ich den Umformer hoch und schaltete das Tonbandgerät ein. Es gelang mir, schnell das Mikrofon an einem geeigneten Platz aufzustellen, da erklang schon der erste Gesang. Der Frequenzmesser zeigte stabil 50 Hertz, das Instrument zur Aussteuerung der Tonaufnahme, ein magisches Auge, zuckte grün, das Band drehte sich, und wider Erwarten konnte ich zumindest den Beginn dieser einmaligen Aufführung aufnehmen. Eingekrampft und in Schweiß gebadet starrte ich ausschließlich auf die Messinstrumente, um bei einem etwaigen Abfall der Spannung gleich zu reagieren. Ich verwendete zwar Kopfhörer, war aber so auf die Technik konzentriert, dass ich akustisch faktisch nichts wahrnahm. Unvermittelt hielt das Band an, das Leuchten der Anzeige erlosch, der Umformer schwieg …. die Batterie war leer. Mein ohnehin nicht ungeheuer ausgeprägtes Selbstbewusstsein schmolz mit dem Sterben der Autobatterie dahin. Geschockt und wie paralysiert kniete ich vor den jetzt nutzlosen Geräten. Bis mir Mackie auf die Schulter klopfte und fragte, was ich denn hier weiterhin machen wolle, die Gesänge seien schon lange vorbei. Das war natürlich übertrieben, aber ich hatte alle Strophen auf Band und dankte den Geistern für die unwirkliche Kapazitätssteigerung der Batterie.

Chor der Frauen

Inzwischen wurden die Feuer neu geschürt. Übermannshohe Flammen schossen empor und beleuchteten die umliegenden Hütten. An einer Feuerstelle versammelten sich die Musiker, die Tamtamiers. Mit größter Begeisterung schlugen sie rhythmisch auf ihre umgekehrten Kalebassen ein. Mit gemischten Gefühlen, weil ungewohnt untätig, hörte ich der Musik zu. Es war ein intensives Erlebnis, da ich mich erstmals voll auf Rhythmus und Klang dieser einfachen Instrumente konzentrieren konnte, ohne Ablenkung durch die Aufnahmetechnik. Auf dem gesamten Platz wurde getanzt, Männer wie Frauen. Wir verbrachten noch eine Zeit lang im Dorf, während der unsere Gläser, sobald sie leer waren, stets mit Kognak nachgefüllt wurden. Aber da uns zuschauen alleine nicht genügte, baten wir Aho, nach Hause fahren zu dürfen. Er bot uns sein Geleit an und wir folgten ihm. Vor Tagesanbruch erreichte der kleine Konvoi Abomey. Im Campement schloss ich die Batterie ans Ladegerät an, dann kroch ich, wie die anderen vor mir, in meinen Schlafsack und schlief etliche Stunden.

Am kommenden Tag gab es einen herzlichen Abschied von seiner Majestät König Justin Aho, Chef de Canton von Abomey. Nochmals wiederholte er seine Einladung und wir mussten ihm versprechen, dass wir bei einer neuerlichen Expedition unbedingt auf einen Sprung vorbeikommen werden. Joko erhielt zum Abschied eine Flasche Cognac überreicht, über die er vor Freude außer sich geriet. Wir nahmen sie ihm sofort ab, um sie bis zu seiner Großjährigkeit zu verwalten.

Nur 130 Kilometer trennten uns von den Gestaden des Atlantiks. Nichts hielt uns mehr. Nach zwei Tagen erreichten wir Cotonou. Es war Nacht, als wir das Wasser erblickten. Der Geruch des Meeres, die Sterne, die sich in den dunklen Wellen spiegelten, setzten unaussprechliche Gefühle in jedem von uns frei. Achteinhalb Monate Arbeit und Strapazen haben wir hinter uns gebracht. Wenig bekleidet rannten wir zum Wasser. Es war genauso warm wie die uns umgebende Lufttemperatur. Dessen ungeachtet planschten wir lange darin, wie vergnügte Kinder. Unsere Luftmatratzen lagen eng beieinander, die Regelmäßigkeit der Brandung rauschte uns in glücklichen Schlaf. Am Morgen brachen wir zeitig auf, da sich, zwar in respektvollem Abstand, Neugierige um uns versammelt hatten. Schwere graue Wolken lagen über Meer und Strand. Die große Regenzeit hielt sich eben nicht strikt an den gregorianischen Kalender. Bei extrem hoher Luftfeuchtigkeit und tropischer Temperatur fuhren wir in das Stadtgebiet. Beim Erreichen des Zentrums klebte die vom Schweiß getränkte Kleidung am Körper. Der französische Automechaniker in Niamey hatte eine Adresse in Cotonou angegeben, wohin er unsere Sachen schicken wollte. Nach einigen Irrfahrten fanden wir die Stelle. Da die Straßen asphaltiert waren, wagten wir es, den IFA zusätzlich mit Gepäck zu beladen. Er tat zwar wie ein Kamel seinen Unmut darüber kund, indem er in seinen strapazierten Blattfedern ächzte, aber er schluckte brav die hinzugekommene Last.

Mehrfach haben wir an Häusern der Vororte Nischen und kleine Vorbauten mit Figuren darin gesehen. Nicht erlahmender Forschergeist drängte uns, diese zu untersuchen. Was wir fanden, war höchst erstaunlich. Offensichtlich waren es Fruchtbarkeitsfetische. Menschenfiguren stellten den Zeugungsvorgang und die dazugehörenden Präliminarien beachtenswert eindeutig, ideenreich und in vielen möglichen Varianten dar.

Fruchtbarkeitsfetisch
Fruchtbarkeitsfetisch

Hier genauer nachzufragen wäre sicher unterhaltsam und wichtig gewesen. Doch die Vorfreude auf die Heimfahrt ließ unsere berufliche Neugier auf die nachfolgende, längst geplante Expedition verschieben. So fuhren wir gegen Westen, der Grenze zum englischen Kolonialgebiet Goldküste entgegen. Der Zustand der Straßen war erfreulich und unser Wagen, der nach der Schinderei in Wüste, Busch und Urwald wieder Asphalt unter seinen Sohlen merkte, zeigte sich von seiner bestgelaunten Seite.

Unsere Ernährung während der Strecke von Abomey bis zur Küste bestand ausschließlich aus Fleisch und wenigen Früchten. Letztere hatten wir in den Trockengebieten des Niger und im nördlichen Dahomey merklich vermisst. Hier aber vertilgten wir Kokosnüsse, Ananas und Wassermelonen in solchen Mengen, dass Eingeborene bedenklich die Köpfe schüttelten. Über lange Strecken der Fahrt an der Küste entlang herrschte Schweigen im IFA. Langsam wurden uns die Erlebnisse und das Ausmaß dessen, was wir geleistet haben, bewusst. Fünfzigtausend Meter bespieltes Tonband schleppten wir mit und Tausende Fotos. Ausreichend Material, um das Phonogrammarchiv der Akademie der Wissenschaften, die Universität und das Museum für Völkerkunde über längere Zeit damit zu beschäftigen. Jetzt bereuten wir es, dass niemand daran gedacht hatte, eine Filmkamera mitzunehmen. Die intensiven Vorbereitungen und Organisationsarbeiten, sowie der Zeitaufwand zum Beschaffen von Geräten für die Tonaufnahmen, hatten mich voll ausgelastet. Da kam Film überhaupt nicht infrage. Jetzt, am Ende der Expedition, waren wir zwar gescheiter, aber auch ohne professioneller Filmkamera zufrieden. Wir waren in höchstem Maße müde, dennoch ein bisschen stolz auf unser Kollektiv.

Am Meer entlang, auf gepflegtem Asphalt, ging es zügig nach Westen. Durch die ehemals deutsche Kolonie Togo und deren Hauptstadt Lomé zum Übergang in die britisch dominierte Goldküste. An der Grenze, nur wenige Kilometer nach der Stadt, wurden wir äußerst liebenswürdig empfangen. Unser Eintreffen war, wie üblich, telegrafisch angekündigt worden, und der französische Posten verabschiedete uns freundlich. Eingetroffen auf der anderen Seite grinste der schwarze Zöllner so lange, bis er die Gewehre sah. Jetzt wurde er amtlich und nahm eine Haltung ein, die Autorität vermitteln sollte. Für die Einfuhr von Waffen bedürfe es einer Erlaubnis aus Accra, erklärte er. Alle Versuche, ihm klarzumachen, dass wir nur durchfahren und es international üblich wäre, ohne Aufwand die Gewehre in das Carnet einzutragen, prallten an seiner Wichtigkeit ab. Dem gewohnten, eher jovialen Umgang der französischen Kolonialbeamten standen hier angelsächsische Disziplin und Sturheit gegenüber. Nur wenige Meter trennten uns vom blauweißroten Zollhaus. Die Regierung und alle offizielle Macht der Goldküste lagen in den Händen von Schwarzen. So war es ebenfalls mit dem Zoll.

Einen derart konsequenten Widerspruch gegen das Verlangen eines Europäers gab es in den von Franzosen verwalteten Gebieten nicht. Wir erwarteten und hofften, dass jede Sekunde der weiße Chef des Postens auftauchen müsse, mit dem man normal und logisch sprechen könne. Einen solchen gab es aber nicht. Die Debatte lief sich heiß. Wir hatten Glück, denn zufällig war ein Beamter der britischen Kolonialbehörden anwesend. Unter der Oberhoheit der Afrikaner führten Engländer die Administration dort weiter, wo sie wegen ihrer Erfahrung in Schlüsselpositionen gebraucht wurden. Wir erklärten ihm die Situation und er sprach mit dem Zöllner. Daraufhin trug dieser die Waffen mit allen Nummern und Merkmalen in das Carnet ein. Das beanspruchte ihn so umfänglich, dass er vergaß, die Visa zu verlangen. Ein wenig Glück gehört zu so einer Expedition dazu, denn wir hatten keine.

Das zügige Tempo auf ungewohnt glattem Asphalt ließ etliche Meilen vor Accra einem Reifen die Luft ausgehen. Nicht lange nach dem Radwechsel, zeigte sich ein weiterer Pneu mit ihm solidarisch und wurde ebenfalls platt. Da aber keine Reserve mehr da war, auf die wir zurückgreifen hätten können, entlud sich die aufkeimende Erbitterung über Mackie. Zu Recht, denn er hatte sich in Abomey geweigert, einen Reservereifen zu kaufen. Max stellte sich an den Urwaldrand und hielt den nächsten Wagen auf, der uns passierte. Es war ein luxuriöser Amerikaner, der ihn bis Accra mitnahm. Voll Neid sahen wir hinterher. Der freundliche Fahrer war der Neffe des Finanzministers der Goldküste, und Mackie begeisterte ihn auf der vierstündigen Fahrt in die Hauptstadt für unsere Arbeit. Das bewirkte, dass dem Forscher üppige afrikanische Gastfreundschaft zuteil wurde. Zwei Tage, in denen er auserlesenen Mahlzeiten und ebensolchem Trinken eifrig zusprach, brauchte Max, bis er mit einem Pneu wieder auftauchte. Wir hatten eben das Essen für den Abend fertig, aber Max lehnte freundlich dankend ab. Wir bissen in die gewohnten Sardinenbrote, die so hart waren, dass wir um unsere Zähne bangten. Selbst Joko küsste Max andauernd und schlief dann Nase an Nase mit ihm ein, sorglich umhüllt von der Whiskyfahne des Expeditionsleiters.

Gegen Mittag fuhren wir in die Hauptstadt ein. Die Wellblechhütten der Slums hinter uns lassend, glaubten wir auf ein Filmset in Hollywood geraten zu sein. Die Stadt Accra beeindruckte durch ihr getreues Abbild einer typischen Goldgräberstadt, wie aus dem wilden Westen Amerikas. Mit ihren „Saloons“, den Fassaden aus Holzplanken und Balken zum Anbinden von Pferden, erwarteten wir jeden Augenblick John Wayne mit rauchenden Colts aus den Pendeltüren treten zu sehen. Störend an diesem Idyll war nur die gedrängte Menge von amerikanischen Straßenkreuzern. Im geschundenen IFA-Zweitakter knatterten wir, die Sechs- und Achtzylinder um uns nicht beachtend, durch das Wohnviertel. Zartblaue, nach verbranntem Öl riechende blaue Wölkchen hinterlassend, näherten wir uns dem Zentrum der Stadt. Mackie kannte sich hier aus und lotste uns zu einem Hotel, bei dessen Anblick wir zu träumen meinten. Ein eifriger, in weiße Livree gezwängter Boy eilte herbei und versuchte beflissen den verzogenen Wagenschlag zu öffnen. Verzweifelt zog er an der Schnalle, erst kräftiger Druck von innen brachte den gewünschten Erfolg. Eher unvorteilhaft gekleidet und nach Dschungel riechend entstiegen wir dem Fahrzeug. Für Sekunden wurde abrupt die dezente Unterhaltung der Gäste auf der Terrasse unterbrochen. Herren im Tropensmoking und Damen in tief dekolletierten Kleidern saßen im kühlen Schatten üppiger, gepflegter Urwaldgewächse, starr in ihren Rohrstühlen.

Es war ein Auftritt, wie ihn weiland Attila nicht besser hätte erleben können. Dessen ungeachtet schob sich unsere Kompanie überzeugend verdreckt an den Erstarrten vorüber ins weiße Gebäude. Die Formalitäten an der Rezeption verschob man auf später. Der Geschäftsführer verschwand flugs durch eine Türe, die Dame hinter dem Tresen reichte uns mit spitzen Fingern die Zimmerschlüssel, und zog sich gleich bis an die Wand zurück. Der Boy draußen stand verzweifelt vor dem Berg an unansehnlichem Gepäck. In den jeweiligen Zimmern angekommen, widmeten wir uns sofort intensiver Körperpflege und kleideten uns so sauber wie möglich aus den von Niamey nachgesandten Koffern. Der Besuch beim hauseigenen Hairdresser bescherte uns eine Einheitsfrisur. Wir sahen aus wie Brüder. Mackie, der Expeditionsleiter, hob sich durch seinen knallroten Bart von uns ab. Am Nachmittag verließen wir das Hotel und begaben uns auf einen Anstandsbesuch zum österreichischen Honorarkonsul. Nach reiflicher Überlegung legten wir die kurze Strecke zu Fuß zurück. Mit unserem Auto konnte man nirgends mehr vorfahren. In frisches Gewand gekleidet, rasiert und mit gestylten Haaren, wurde uns wärmstes Willkommen zuteil. Die Einladung zum Dinner schlugen wir nicht aus.

Mit Einheitsfrisur und zivilisiert, Kopezky, Ich, Schani u. Mackie
Kopezky, ich, Schani u. Mackie mit Einheitsfrisur und zivilisiert,

Der Koch des aus Londonderry gebürtigen Konsuls brachte vorzügliche, von uns lange vermisste Speisen auf den Tisch. Mag sein, dass Mackies gepflegter roter Bart ausschlaggebend für dieses Festessen war. Es wurde ein harmonischer Abend, in dessen Verlauf die Sprache auf unsere Weiterfahrt kam. Der Herr Konsul, er war hauptberuflich Geschäftsmann, wusste von einem Frachtschiff, das demnächst mit Waren nach Hamburg ablegen würde. Am Morgen des nächsten Tages klärte sein Büro mit dem Kapitän der „Lucy Essberger“ die Überfahrt zu einem vorteilhaften Preis. Wir bezahlten diesen aus der von IFA überwiesenen Kasse. Nach Abzug der Kosten für das Hotel blieben uns vierzig englische Pfund. Das Schiff sollte in zwei Tagen ablegen. Um Hotelkosten zu sparen, schifften wir uns umgehend ein.

Es war ein erhebender Augenblick, wie unsere 27 PS afrikanischen Boden verließen. Von kräftigen Gurten getragen und einem Kran gehoben, schwebte der Kombi an Deck des Frachters, wo er fest vertäut wurde. Wir bezogen unsere die für jeweils zwei Personen festgelegten, geräumigen Kajüten. Das Schiff war für die Mitnahme von Passagieren eingerichtet. Die Zivilisation hat uns wieder. Die Stille der Nächte in der Wüste, im Busch und im Urwald waren Vergangenheit. In so einem großen Schiff sind immer irgendwelche Motoren oder Lüftungen zu hören. Erinnerungen an meine erste Hochseeschifffahrt stiegen hoch.

Kaum an Bord, hob Mackie an zu husten und sich zu übergeben. Bei einem schnell arrangierten Arztbesuch in der Stadt diagnostizierte man Gelbsucht. Zusätzlich war bei ihm die Malariaprobe positiv ausgefallen. Ich selbst litt an einer schmerzhaften Stirnhöhlenentzündung. Kopezky hatte ebenfalls Gesundheitsprobleme. Nur Jean-Pierre, von uns Schani genannt, zeigte keinerlei Krankheitssymptome. Mit dem Verlassen des Hafens besserten sich die Symptome der Patienten schlagartig. Die täglichen Mahlzeiten nahmen wir in Gesellschaft des Kapitäns und seiner Offiziere ein und unterhielten sie mit den abenteuerlichsten Erlebnissen der Expedition. Wir taten unser Möglichstes, um die Schiffsvorräte zu reduzieren. Eine akute Zunahme des Gewichtes aller Expeditionsteilnehmer im Verlauf der vierzehntägigen Reise war deshalb nicht zu übersehen. Ausgeruht und die Köpfe voll mit Plänen erreichten wir am 8. September 1956 Wien.

Schon am 13. September dieses Jahres erschien im „NEUEN KURIER“ ein Artikel über diese erste größere erfolgreiche österreichische Expedition nach dem Kriegsende. Unter dem reißerischen Titel „Wir sind Tiroler Fetischmänner“ wurden unsere Erlebnisse journalistisch aufbereitet. Unverzüglich wurde das erarbeitete Material bei den damit zufriedenen wissenschaftlichen Institutionen abgeliefert. Wobei das Phonogrammarchiv der Akademie der Wissenschaften den Großteil erhielten. Wir gönnten uns keine Pause. Umgehend machten wir uns an die Vorbereitungen für die nächste Expedition, die uns über eine Zeit von annähernd zwei Jahren durch die anglophonen und frankophonen des afrikanischen Kontinents führen sollte. Doch darüber werde ich in einem zweiten Teil der „Zeitgeister“ berichten.

(Die Musikaufnahmen zu diesem Kapitel sind im Katalog des Phonogrammarchivs der Akademie der Wissenschaften zu finden)   

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